Vom Baum zum Einbaum - Bergung und Nachbau eines Einbaums aus der Wikingerzeit
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Identifiers | 10.3203/IWF/W-2231 (DOI) | |
IWF Signature | W 2231 | |
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IWF Technical Data | Video ; F, 17 min |
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Transcript: German(auto-generated)
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Harm Paulsson, Mitarbeiter des archäologischen Landesmuseums in Schleswig soll eine Eiche fällen und aus ihr nach altem Vorbild einen Einbaum schlagen, wie er im frühen Mittelalter in dieser Gegend gebräuchlich war.
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Er beginnt, wie man es vor tausend Jahren tat, mit der großen Fellachst. Sie ist Funden aus der Wikingerzeit nachgeschmiedet.
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Ganz getreu wie damals geht es aber nicht. Jetzt müsste er eine zweite Kerbe auf der gegenüberliegenden Seite nur etwas höher in den Stamm hauen.
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Aber die heutigen Sicherheitsvorschläge? Wir dürfen Eichen heute nur bis Mitte März fällen, weil dann ihr Wachstum beginnt.
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Die Wikinger schlugen Bäume, die sie als Baumaterial verwenden wollten, zu Anfang des Jahres, um frisches, weiches Holz verarbeiten zu können.
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Außerdem ließen sich die Stämme leicht über den Schnee ziehen. Aus der heute gefällten Eiche wird ein sechs Meter langes Stück abgeteilt und dorthin gebracht, wo man das Vorbild fand. Auf das Gelände der ehemaligen Siedlung von Haithawu, einst ein bedeutender Handelsplatz für den Norden Europas.
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Bei geophysikalischen Untersuchungen im alten Hafenbereich entdeckten Wissenschaftler der Universität Kiel auch einen Einbaum aus der Wikingerzeit. Damit er bei der Bergung nicht zerbricht oder Teile verloren gehen, bringen ihn die Archäologen auf einer Trage behutsam an Land.
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Er ist gut erhalten, soweit er sich im feuchten Seeboden befand, der das Holz konservierte. Doch alles, was aus dem Schlick herausragte, ist abgerottet. Nun ist er weich und brüchig wie ein nasser Keks. Zum weiteren Transport muss das Fundstück sorgfältig verpackt und feucht gehalten werden, damit das Holz nicht austrocknet und reißt.
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Es kommt ins Archäologische Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität auf Schloss Gottdorf, wo der Fund in einem Bad mit Polyethylenglykol, einem Hartwachs, haltbar gemacht wird. Nach sechs Monaten ist die Konservierung abgeschlossen. Der Fund wird zur Ausstellung im Museum vorbereitet.
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Das bei der Bergung abgebrochene Teil soll wieder angesetzt werden. Holzstifte sorgen für eine feste Verbindung. Deutlich erkennen wir, dass nur ein flacher Rest, etwas mehr als der Boden, erhalten ist.
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Bei einem derartigen Zustand lassen sich keine verlässlichen Aussagen über Herstellung, Gebrauch und Eigenschaften dieses frühmittelalterlichen Wasserfahrzeugs machen. Deshalb wird es im Rahmen der experimentellen Archäologie nachgebildet. Das Original kommt ins Wikinger Museum. Der Nachbau geschieht in der Nähe, im Gebiet der ehemaligen Siedlung Heitabu,
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direkt am Haddebianoa. Dort wird zunächst die Lage des hier abgelegten Eichenstammes geprüft. Für den Boden eignet sich am besten der flache und breitere Teil.
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Also muss der drei Tonnen schwere Stamm zunächst etwas gedreht werden, ohne moderne Hilfsmittel, wie zur Zeit der Wikinger. Man will wissen, wie lange diese Arbeit gedauert haben könnte. Für Harm Paulsen ist es der zwanzigste Einbaum, den er so herstellt.
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Er beginnt an der Wurzelseite des Stammes, wo die Faserstruktur des Baumes am besten zu erkennen ist.
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Mit der Fellachst schlägt er eine Kerbe durchs weiche Splintholz bis zum harten Kern, um dann größere Teile von oben abzutragen.
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Und so geht's weiter. Längere Stücke abzuschlagen ist nicht nur praktisch. Aus ihnen lassen sich auch weitere Werkstücke, Keile und Dinge für den täglichen Bedarf herstellen.
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In der Mitte ist der größte Abschnitt vorgesehen. Aus ihm sollen die Paddel entstehen.
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Die obere Schicht ist abgetragen, die Höhe der Bordwand damit festgelegt.
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Die Enden schwingen leicht nach oben. Entscheidend für die Fahreigenschaften und die Kursstabilität des Bootes wird die gleichmäßige Bauform, die Symmetrie des Bootes sein.
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Deshalb muss jetzt die Mittellinie festgelegt werden, von der aus die Breite des Schiffes bestimmt wird. Hier hilft uns ein alter Handwerkertrick, der Schnurschlag. An beiden Stammenden wird die Mitte genommen, eine Schnur gespannt, diese mit Holzkohle geschwärzt und der Abdruck zur Markierung der Mittellinie verwendet.
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Von ihr aus wird die Breite rechts und links eingezeichnet. Sie hat sich zwar am Vorbild zu orientieren, muss sich aber auch nach dem Wuchs dieses Stammes richten. Sie soll möglichst nicht ins helle, weiche Splintholz reichen, weil das Boot aus dem harten Kern gefertigt werden soll.
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Sind Borke und Splintholz von den Seiten abgeschlagen, werden die Bordwände außen mit der Breitachs geglättet.
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Sie ist bereits auf dem zeitgenössischen Teppich von Bayeux als Instrument zum mittelalterlichen Bootsbau abgebildet. Für den Boden muss der Stamm noch einmal kurz gedreht werden. Alles klar.
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Ton läuft? Kamera läuft. Die Borke wird wieder großflächig mit der Bartachst abgeschlagen.
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Diese ist besonders geeignet, größere Späne abzureißen. Heikel wird es, wenn Kneste auftauchen wie hier. Bei unsachgemäßer Behandlung kann der ganze Stamm verderben.
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Ist der Boden rundgeschlagen, wird der Stamm erneut gedreht und im Inneren ausgehöhlt. Das geht nach heutiger Erfahrung am besten, wenn kleine Segmente vorgezeichnet und kestienartig herausgehauen werden. So lassen sich Kneste isolieren und im Ganzen herausholen.
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An beiden Enden sind bis jetzt Blöcke stehen geblieben, damit das Holz im Inneren nicht so leicht reißt. Kurz vor der Fertigstellung können sie nun abgetrennt werden. Dabei wird zugleich der Bug geformt.
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Diese schwarze Linie gibt an, bis zu welcher Bordhöhe der originale Einbaum von Heiterbu erhalten ist. Nicht erhalten ist weiteres Zubehör, wie zum Beispiel die Paddel. Aber nach Vorbildern, die im Hafen von Heiterbu gefunden wurden, lässt sich ein historisch getreues Abbild herstellen. In 35 Minuten ist es fertig.
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Nun muss der Stamm noch weiter ausgehöhlt werden. Hier hat die große Axt bald ausgedient. Mit ihrem langen Stiel und der geraden Schneide ist es nicht möglich, bis zum Boden des Bootes vorzudringen und innen eine runde Form herauszuschlagen.
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Dafür standen bereits früher andere Werkzeuge zur Verfügung. Der kleine Hohldecksel und der breite Decksel mit ihren quergestellten Schneiden.
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Zum Schluss noch ein paar Schönheitskorrekturen und die Hoffnung auf gutes Wetter beim Stapellauf.
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Das Boot ist fertig. Aus dem kräftigen Eichenstamm ist ein schlanker Einbaum geworden. Nach einer reinen Arbeitszeit von 53 Stunden soll er nun ins Wasser kommen.
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Die ersten Schläge machen einen vielversprechenden Eindruck. Das Boot ist wendig, kursstabil und schnell.
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Es liegt gut im Wasser, erfordert aber einen erfahrenen Kanuten. Denn wegen seiner runden Bauform ist es kippelig und droht leicht zu kentern. Es war wohl für ruhiges Wasser gedacht, für Binnengewässer, Flüsse und Wäsche. Die weiteren Fahrten ergeben, dass der Einbaum mit höchstens drei Personen belastet werden kann.
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Er wird wohl zum Fischen und Jagen im ufernahen Bereich eingesetzt worden sein. Die Nachbildung zeigt, dass erst durch originalgetreue Rekonstruktion Eigenschaften erkannt werden, die sich aus Funden nicht erschließen lassen. So kann im Rahmen der experimentellen Archäologie auch dieser Nachbau neue Erkenntnisse liefern über Arbeits- und Lebensweise im frühen Mittelalter.