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Otto Hahn spricht zur Geschichte der Uranspaltung, Göttingen, 1956

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Ich möchte Ihnen etwas über die Geschichte der Zerspaltung des Urans durch Herrn STRASSMANN und mich erzählen. Herr STRASSMANN und ich, wir beide sind Chemiker; und es ist ganz interessant, die Geschichte dieser Zerspaltung, die eigentlich die Physiker hätten finden müssen, wenn sie nicht durch falsche theoretische Voraussetzungen daran gehindert worden wären, diese Annahme zu machen, die wir gezwungen waren, Ende 1938 zu machen. Der Anfang der Geschichte geht eigentlich zurück bis vor mehr als 50 Jahren, als ich anfing, radioaktiv zu arbeiten in England und dort durch einen günstigen Zufall gleich ein sogenanntes radioaktives Element entdeckte, das Radiothor. Ich wurde daraufhindurch meinen Chef veranlaßt, bei der Radioaktivität zu bleiben - vorher war ich organischer Chemiker - und ging dann nach Berlin, um dort bei EMIL FISCHER in dessen großem chemischen Institut mich zu habilitieren. Auch dort hatte ich das Glück, ein radioaktives Element zu entdecken, das ich Mesothorium nannte. Und damit begann dann meine Tätigkeit als Radiochemiker während - ich ich kann so sagen - der letzten 50 Jahre. Zu dieser Radiochemie kam dann Ende 1907 - 1906 war ich nach Berlin gekommen
- Ende 1907 kam der physikalische Teil meiner, wenn ich so sagen soll, Arbeitsgruppe hinzu in Gestalt von Dr. LISE MEITNER, die aus Wien nach Berlin kam, ursprünglich um bei Geheimrat PLANCK zu arbeiten, aber dann bei mir geblieben ist für mehr als 30 Jahre, bis sie durch das Hitlerregime gezwungen wurde, 1938 Deutschland zu verlassen. In diesen Zeiten, zunächst im chemischen Institut in Berlin, später aber nach der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mit viel besseren Arbeitsmöglichkeiten in Berlin-Dahlem im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, arbeiteten wir auf den verschiedensten Gebieten der Radiochemie und zunehmend auch der Kernphysik, letzteres durch Professor MEITNER - die allmählich zum Professor ernannt wurde - das erstere durch mich. Dann kamen die großen Entdeckungen in der Radium-Forschung. Zu den natürlichen Radioelementen kamen die künstlichen, zu den künstlichen Radioelementen kam dann die Verwendung des sogenannten Neutrons als Munition, wenn ich so sagen soll, für künstlich radioaktive Umwandlungsprodukte. Und zwar kam diese Verwendung des Neutrons im Jahre 1934. Der italienische Physiker FERMI hatte die ausgezeichnete Idee, dieses ungeladene Teilchen (es ist so groß wie das Wasserstoffteilchen, wie der Wasserstoff, aber hat keine elektrische Ladung), dieses ungeladene Atomteilchen, diesen Atombeststandteil als Geschoß für Atomumwandlungen zu verwenden. Und das gelang ihm, weil dieses Neutron keine elektrische Ladung hat, bis hinauf zu den schweren chemischen Elementen, was vorher nicht gelungen war; und es gelang ihm bis hinauf zu dem letzten chemischen Element, dem höchsten, dem Uran. Und dort fand er eine Anzahl merkwürdiger Umwandlungsvorgänge, die er nach dem damaligen Stand der Kenntnis nur so erklären konnte, daß er bei der Bestrahlung des Urans mit Neutronen Elemente jenseits des Urans, also Transurane, vor sich habe. Also Elemente, die man bisher noch nicht in der Natur kannte. Diese Ansichten von FERMI - er war der Italiener, der das zuerst eingeführt hatte - diese Ansichten von FERMI wurden beanstandet von anderer Seite, sie wurden nicht für zuverlässig gehalten, die Versuche; und da gingen nun Professor MEITNER und ich daran, diese Versuche zu wiederholen. Wir hatten nämlich etwa 20 Jahre vorher das Element links vom Uran, das sogenannte Protaktinium, Element Nr. 91, entdeckt, kannten seine Eigenschaften und konnten nun feststellen, ob die FERMIschen Produkte doch nicht vielleicht, wie man annahm, Protactinium seien. Wir konnten feststellen, daß das nicht der Fall ist, und schlossen daraus auf dasselbe, was FERMI geschlossen hatte, daß er tatsächlich Vertreter transuranischer Elemente vor sich habe. In den Jahren 1934-38 haben wir dann fleißig gearbeitet, Professor MEITNER und ich, und bald unter Hinzuziehung des ausgezeichneten anorganischen und analytischen Chemikers, meines Assistenten FRITZ STRASSMANN. Wir glaubten, eine ganze Reihe transuranischer Elemente vor uns zu haben, und fanden, nachdem Professor MEITNER leider Deutschland verlassen hatte, im Jahre 1938, Ende 1938, noch einiges Neue hinzu. Die Vorgänge waren an sich schon sehr kompliziert, wir fanden aber als Neues hinzu, daß wir glaubten, außer den von uns für Transurane gehaltenen Substanzen noch Radiumisotope, künstliches Radium, aufgefunden zu haben; und dieses künstliche Radium war insofern sehr interessant, als es eigentlich schon sehr unwahrscheinlich war, vom Standpunkt der Physiker aus, daß das bei der Bestrahlung von Neutronen mit Uran entstehen könnte. Es war aber nur möglich, dass Radium vorlag, künstliches, oder das als Trägermetall zugegebene Barium, das dem Radium ähnlich, aber nicht gleich ist. Wir, Herr STRASSMANN und ich, versuchten nun, unser künstliches Radium noch etwas anzureichern, wir hatten das mit Barium ausgetrennt, und das gelang uns nicht. Wir versuchten es wieder und wieder, alle Versuche schlugen fehl. Nun hatte ich, ich habe es vorhin schon gesagt, schon vor 50 Jahren das Element Mesothorium entdeckt. Das hat die Eigenschaften des Radiums, ist ein sogenanntes Isotop des Radiums, und von den damaligen Arbeiten her war uns natürlich jetzt die Trennung des Radiums vom Barium absolut geläufig. Trotzdem versuchten wir noch einmal mit unseren schwachen Substanzen, die wir jetzt nur zur Verfügung hatten, bei den künstlichen Elementen, die Trennung Radium, natürliches Radium, von Barium durchzuführen, was ich vor 50 Jahren schon gemacht hatte, und das gelang genau so gut wie mit den größeren Mengen früher. Aber mit unseren künstlichen Präparaten gelang es nicht, und dann machten wir folgenden Trick: wir stellten uns . . . der eine von uns stellte sich möglichst schnell reine, natürliche Radiumisotope her, die wir von früher her kannten, das sogenannte Thorium X oder das Mesothorium 1, und der andere von uns stellte sich von den vielen Umwandlungsprodukten bei der Bestrahlung des Urans diese Radiumisotope her, die sogenannten. Dann mischten wir das natürliche und das künstliche Radium mit dem Ergebnis, mit dem höchst merkwürdigen Ergebnis, daß wir das natürliche Radium, so wie wir es schon vor 50 Jahren konnten, vom Barium durch fraktionierte Kristallisation abtrennen konnten, aber unsere künstlichen, für Radiumisotope gehaltene Präparate nicht. Und das war nun zu all dem anderen, was wir vorher versucht hatten, der endgültige Beweis dafür, daß bei der Bestrahlung des Urans mit Neutronen ein vollständig neuartiger Prozeß aufgefunden war, den die Physik bisher für unmöglich gehalten hatte, nämlich der Spaltung dieses schwergeladenen, mit 92 Kernladungen geladenen Urans in mittlere Elemente, von denen wir zunächst das Barium festgestellt hatten. Die Versuche gingen dann schnell weiter. Wenige Tage nachdem unsere Veröffentlichungen hinausgegangen waren in die Welt, war von der physikalischen Seite aus und den Hochspannungslaboratorien Amerikas, Englands und der anderen Länder die Richtigkeit unserer Vermutung oder unseres Beweises anerkannt worden, und dann ging die Entwicklung den Weg, den wir ja alle kennen. Es wurde zusätzlich nachgewiesen, was Herr STRASSMANN und ich nur vermutet hatten, daß bei dieser Reaktion Neutronen, also die Munition zu der Zerspaltung, zusätzlich nachgeliefert werden, und damit wir zum ersten mal die Möglichkeit einer gesteigerten Reaktion, einer Kettenreaktion, gegeben. Professor MEITNER hatte schon - zuerst nach unserer Publikation - als erste mit ihrem Neffen FRISCH festgestellt, daß bei dieser Spaltung des Urans sehr große Energiemengen frei werden, und so war jetzt
der Weg zum ersten mal gegeben, die Energie der Atomkerne nutzbar zu machen, einerseits durch die große Energieentwicklung des einzelnen Prozesses, andererseits durch die Möglichkeit einer Kettenreaktion, die die einzelnen Prozesse in das Milliarden- oder Billionenfache zu vergrößern erlaubt.
Hahn, Otto
Dezember
Radioaktivität
Physiker
Radionuklid
Radiochemie
Mesothorium
Kalenderjahr
Prozess <Physik>
Physiker
Frischen
Fall
Tag
Atomkern
Fermion
Fraktionierte Kristallisation
Neutron
Elektrische Ladung
Radiumisotop
Isotop
Teilchen
Geschoss <Bauwesen>
Energie
Radiochemie
Bestrahlung
Nanotechnologie
Munition
Mesothorium
Druckwerk
Transurane
Kernladung
Kalenderjahr
Versorgungsleitung
Bearbeitung

Metadaten

Formale Metadaten

Titel Otto Hahn spricht zur Geschichte der Uranspaltung, Göttingen, 1956
Alternativer Titel Otto Hahn Speaks on the History of Uranium Fission, Göttingen, 1956
Autor Terveen, Friedrich
Lizenz CC-Namensnennung - keine kommerzielle Nutzung - keine Bearbeitung 3.0 Deutschland:
Sie dürfen das Werk bzw. den Inhalt in unveränderter Form zu jedem legalen und nicht-kommerziellen Zweck nutzen, vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen, sofern Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen.
DOI 10.3203/IWF/G-27
IWF-Signatur G 27
Herausgeber IWF (Göttingen)
Erscheinungsjahr 1960
Sprache Deutsch
Produzent IWF (Göttingen)
Produktionsjahr 1956

Technische Metadaten

IWF-Filmdaten Film, 16 mm, LT, 111 m ; SW, 10 1/2 min

Inhaltliche Metadaten

Fachgebiet Physik
Abstract Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Otto Hahn, gibt einen Überblick über seine und die Arbeiten seiner Kollegen L. Meitner und F. Straßmann auf dem Gebiet der Uranspaltung.
The president of the Max Planck Society for the Advancement of Science, Otto Hahn, introduces his work and the work of his colleages L. Meitner and F. Straßmann on uranium fission.
Schlagwörter Fermi, Enrico
Meitner, Lise
Strassmann, Fritz
Persönlichkeitsaufnahme
Max-Planck-Gesellschaft
Nobelpreisträger
Hahn, Otto
Transurane
Uran
Uranspaltung
Kernspaltung
nuclear fission
uranium fission
uranium
transuranic elements
transuranium elements
Hahn, Otto
Nobel laureate
Max Planck Society
portrait
Strassmann, Fritz
Meitner, Lise
Fermi, Enrico

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