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Manfred Eigen zu seinem wissenschaftlichen Werdegang und seinen Forschungen - Aufnahmen aus den Jahren 1981-1986

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Die Musik hat in meinem Leben immer schon eine große Rolle gespielt. Mein Vater war Musiker, er spielte Cello. Ich selber habe mit 5 Jahren den ersten Klavierunterricht bekommen. Mit 15 hatte ich mir vorgenommen, Musik zu studieren, aber das ist durch die Kriegsereignisse nicht möglich gewesen. Aber ebenso wie die Musik hat mich auf der Schule die Mathematik, die Physik und die Chemie gefesselt. Als ich dann 1945 18jährig nach Göttingen kam, stand es fest, dass ich Physik und Chemie studieren würde. Nun, ich habe in Göttingen hervorragende Lehrer gefunden, und das Studium hat nicht mehr als 5 Jahre in Anspruch genommen. 1951 konnte ich schon promovieren. Mein Hauptinteresse galt dem physikalischen Verständnis chemischer Prozesse, vor allem hat mich die Dynamik der chemischen Reaktionen interessiert.
Ich las eines Tages im Lehrbuch meines Doktorvaters (Arnold) Eucken von den sog. unmessbar schnellen Reaktionen - und ich war noch jung genug, so dass sich in mir gleich Widerspruch regte: unmessbar - das konnte doch nicht wahr sein, insbesondere als ich dann sehr schnell herausfand, dass der Zeitbereich dieser unmessbaren Reaktionen immerhin 8 / 9 Größenordnungen ausmachte, also etwa einen Faktor von einer Milliarde. In diesem Zeitbereich sollten sich gerade die physikalischen Elementarprozesse, die einer chemischen Reaktion zugrunde liegen, abspielen. Ich habe sofort angefangen zu überlegen, wie man diese Reaktionen wohl einer Messung zugänglich machen könne. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dass die Partner einer Reaktion sehr schnell miteinander vereinigt werden müssen. Zu diesem Mischvorgang braucht man, auch wenn man es in raffinierten Strömungsanordnungen, mit Düsen etwa versucht, immerhin Zeiten der Größenordnung einer Tausendstelsekunde. Der Trick, den ich schließlich fand, bestand darin, die Reaktion eben aus einem Zustand starten zu lassen, in dem die Partner schon miteinander vermischt sind. Diese Methode möchte ich vielleicht ein wenig erläutern, aber wir benutzen sie auch heute noch bei unseren Messungen.
Nehmen wir als Beispiel mal das Wassermolekül. Wasser ist zu einem geringen Bruchteil in die beiden elektrisch geladenen Bestandteile, das H+Ion, oder Wasserstoffion, und das Hydroxylion zerfallen. Man kann das messen an der elektrischen Leitfähigkeit von sehr reinem Wasser. Es ist nur ein bisschen mehr als ein Milliardstel der Wassermoleküle, die sich in diesem elektrisch geladenen Zustand befinden. Gleichgewicht im Wasser heißt eben, dass die Bildung der Wassermoleküle aus diesen beiden Ionen und der Zerfall der Wassermoleküle in die beiden Ionen gerade sich einander die Waage halten. Wenn man also hier eine Leitfähigkeit misst, die ja, sagen wir mal, ein Maß für die Menge der Wasserstoffionen ist, und das gegen die Zeit aufträgt, dann könnte man jetzt versuchen, aus dem Gleichgewicht heraus diese Konzentration, dieses Gleichgewicht zu verschieben. Wir wissen, ein solches Gleichgewicht hängt von äußeren Parametern ab: die Temperatur, der Luftdruck oder die elektrische Feldstärke bestimmen, wo dieses Gleichgewicht liegt. Wenn man also sehr schnell zu einem bestimmten Zeitpunkt beispielsweise die elektrische Feldstärke verändert - etwa indem man eine elektrische Welle in das System hineinlaufen läßt - dann verschiebt sich das Gleichgewicht, beispielsweise die Ionen gehen auf ein höheres Niveau, zu messen als Anstieg der Leitfähigkeit. Diese Veränderung vollzieht sich aber nicht augenblicklich, sondern sie geht mit der Geschwindigkeit, mit der diese Reaktion abläuft. Das heißt also, das System wird exponentiell in diesen neuen Zustand übergehen. Diesen Zeitverlauf - das ist ja hier die Zeitachse - kann man messend verfolgen und daraus kann man die Reaktionen analysieren. Wir haben sehr viele solcher Relaxationsverfahren - wie man sie nennt - aufgebaut, sowohl mit der elektrischen Feldstärke als auch mit Schallwellen, also Druck als Variable, oder Temperatur als Variable. Zu der Zeit damals in Göttingen kam noch das Glück hinzu - Kollegen im 3. Physikalischen Institut, (Konrad) Tamm und (Walter) Kurtze, hatten sich gerade mit Messungen von Ultraschallwellen, Ultraschallabsorption beschäftigt, und wir konnten dann zusammen auch die chemischen Effekte dort bestimmen und die theoretischen Grundlagen dafür erarbeiten. In unserem Institut haben wir eine Vielzahl solcher Methoden aufgebaut. Das Prinzip, wie gesagt, ist einfach, aber die Ausführung ist natürlich nicht ganz so einfach, denn es handelt sich ja hier um Millionstel-, Milliardstelsekunden. Man braucht elektrische Felder der Größenordnung 100.000 Volt pro Zentimeter, kurzum, die Apparaturen, die
wir dann aufbauen mußten, waren schon recht kompliziert und eine ganze Reihe von Jahren haben meine Doktoranden damit verbracht, solche
Methoden dann zu entwickeln. Mit Hilfe dieser Methoden haben wir
dann sehr viele Reaktionen untersucht. Es war so wie die Entdeckung eines neuen Kontinents. Es war noch alles unbearbeitet, wir konnten neue Resultate wie reife Früchte von einem Baum pflücken. Wir haben angefangen, die anorganischen Reaktionen zu untersuchen, und sehr bald folgten dann organisch chemische Reaktionen, und sehr schnell waren wir auch in der Biochemie. Das Leben basiert ja auf komplexen chemischen Prozessen. Diese sind, ich möchte fast sagen, die meisten dieser Prozesse sind per definitionem schnell. Zu diesen Prozessen gehören ja auch die, mit deren Hilfe wir wahrnehmen, mit deren Hilfe wir sehen, mit deren Hilfe wir denken. Schnell heißt ja doch - wir nennen etwas schnell, was schnell für unsere Wahrnehmung sich abspielt. Die Prozesse also, auf denen also die Wahrnehmung basiert, auf denen Lebensprozesse basieren, müssen daher per definitionem schnell ablaufen. Hier erschloss sich uns natürlich ein weites, riesiges Gebiet. Zunächst einmal für die Methoden gab es sehr bald einen Nobelpreis, und dahinter stand dann auch die Erwägung, ein neues Institut zu
bauen. Inzwischen waren wir so tief in die Biochemie, Biologie eingedrungen, dass aus dem Institut für Physikalische Chemie dann auch ein Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie wurde.
Beim Studium der Lebensprozesse tauchte immer wieder die Frage auf: wie kann ein solches komplexes System, wie etwa ein Mikroorganismus, entstanden sein? Gibt es Naturprinzipien, gibt es Gesetzmäßigkeiten, die für diese Selbstorganisation chemischer Systeme zuständig sind, die diese lenken? Die Frage war also, können wir also ein solches Prinzip auffinden? Und diese Frage sollte uns bis in die späten 60er Jahren, ja bis auf den heutigen Tag fesseln, sie hat dann im wesentlichen unsere weitere Arbeit in eine ganz neue Richtung gelenkt.
Vorlesungsausschnitt: Gibt es eine Gesetzmäßigkeit oder einen Algorithmus, mit dem sich planmäßig
komplexe Strukturen aufbauen lassen, die optimal ihrer Funktion angepasst sind? Das ist eine sehr grundlegende Frage. Etwa von der Dimension der Frage, wie sie Alan Turing, britischer Mathematiker, im Jahre 1935 für die Mathematik stellte. Die Frage dort lautet: Sind alle Funktionen berechenbar? Er konstruierte einen einfachen Algorithmus, die sogenannte Turing-Maschine, und das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß nicht alle Funktionen berechenbar sind, nicht alle Probleme entscheidbar sind, aus einem endlichen Satz von Axiomen, sondern daß nur solche Funktionen berechenbar sind, die sich in einer endlichen Zahl von Schritten mit einer Turing-Maschine berechnen lassen. Unsere
Frage lautet: Gibt es so
etwas wie eine Turing-Maschine der Biologie? - also wieder eine ideelle, abstrakte Maschine. Wir kennen ja mehrerer solcher ideeller, abstrakter Maschinen, z. B. die Carnot-Maschine,
die nicht nur eine Wärmekraftmaschine darstellen sollte, sondern ein Prinzip zum Ausdruck bringen sollte, erklären sollte, wie der maximal erreichbare Wirkungsgrad einer Wärmekraftmaschine sei. Oder wir kennen den von Neumannschen Automaten, den sich selbst reproduzierenden Automaten, und wir werden sehen, daß unsere Fragestellung sehr dicht bei der von Neumannschen Fragestellung liegt, also: Gibt es eine Turingmaschine der Biologie? Gibt es einen Algorithmus, aus dem ich, anfangend mit einer Zufallssequenz von Bausteinen, am Ende, in einer endlichen Zahl von Schritten, eine optimal angepaßte Struktur mit einer
optimal angepaßten Funktion erzeugen kann?
Nun, wenn wir nach einem Algorithmus fragen, dann sollten wir uns in diesem Jahre besonders an Charles Darwin erinnern. Sie wissen, wir begehen in diesem Jahre die 100. Wiederkehr des Todestages von Charles Darwin. Ich glaube, Charles Darwin hat als erster einen Weg gewiesen, wie man diese Fragestellung lösen kann. Bei ihm lautete die Fragestellung etwas anders, er wollte wissen, wie die komplexen lebenden Strukturen, die Lebewesen, die Spezies entstehen. Die Antwort, die er erhielt, war: sie entstehen evolutiv, sie entstehen schrittweise durch Optimierung aus den weniger komplizierten Stufen. Man könnte Darwins Theorie in drei
Thesen zusammenfassen: Die 1. These wäre das sog. Deszendenzprinzip: komplexe
Systeme entstehen evolutiv. Und das ist die 2. These: Evolution basiert auf natürlicher Auslese - Principle of natural selection. Nun, man wird sofort fragen: Was
ist diese natürliche Auslese? - also eine Selbstorganisationseigenschaft des Systems, nicht eine künstliche Auslese. Er unterscheidet sie von der künstlichen Zuchtwahl. Diese Antwort ist im wesentlichen erst in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gegeben worden, und zwar von den großen Schulen der Populationsgenetik, etwa (Ronald) Fisher, (Sewall)Wright, (John B. S.) Haldane in England. Die Antwort lautet: Selektion, oder natürliche Auslese,
ist eine Konsequenz, eine - wir könnten heute sagen -
eine physikalische Konsequenz von Selbstreproduktion.
Wir finden sie nur in selbstreproduktiven Systemen, und dort, wo wir selbstreproduktive Systeme haben, ist sie unausweichlich. Sie tritt nicht nur in biologischen Systemen auf, auch Lasermoden zeigen natürliche Auslese, wie Hermann Haken in Stuttgart gezeigt hat, nach ganz denselben
Gesetzmäßigkeiten, wie etwa die Auslese in einer Kolibakterien-Kultur. Nun, die Frage, die dahintersteckt, ist eine Frage, die ich etwa folgendermaßen formulieren will: Angenommen, diese Thesen
sind hinreichend für eine Erklärung, dann ist es zu vergleichen mit einem Mechanismus, der in einer Wertlandschaft bergan geht. Evolution
geht schrittweise, ist also ein langsamer Weg, ein Ansteigen auf dieser Optimierungsroute, über die Auslese
- Auslese ist wieder eine Konsequenz innerer Eigenschaften des Systems, die in der Selbstreproduktion, chemisch gesehen also in der notwendigen Existenz von Nukleinsäuren auftreten - die Frage also: Genügt ein solcher Algorithmus, um in einer Wanderung in dieser Wertlandschaft, in der ich optimieren will, den höchsten, d. h. einen optimalen Gipfel zu erreichen? Nun, das Beispiel, was ich hier wähle, läßt sofort Zweifel aufkommen. Denn, wenn ich etwa nach einem
solchen Algorithmus aufs Matterhorn kommen
wollte, oder gar auf den Mount Everest, dann sehen Sie sofort, daß das nicht geht. Ich würde irgendwo hier meine Wanderung beginnen, ich könnte vielleicht Schritte von einem Meter Länge ausführen und wenn ich olympiaverdächtig
bin, kann ich vielleicht auch noch über 10 Meter springen, aber damit hat es sich
dann, und mit solchen 10-Meter-Sprüngen komme ich vielleicht auf einen kleinen Weinberg hier in der Umgebung von Würzburg und da säße ich dann fest. Und irgendwann, selbst wenn ich in einer sehr günstigen Landschaftstopologie wäre, dann würde ich sehr bald feststellen, daß ich irgendwann mal einen Sprung von 1000 km oder so etwas machen müsste. 10 hoch 6 Meter, und das geht nicht mehr. Mit anderen Worten, wenn ich über einen evolutiven Mechanismus, der auf einzelnen Mutationsschritten basiert, so etwas wie einen Mount Everest in der Funktion dieses Moleküls erreichen will, dann sieht das Augenblick mal nicht so ganz günstig aus. Es geht also um eine Optimierung in einer Landschaft,
für die unsere Vorstellung etwas versagt. Wir müssen deshalb dabei
entweder auf die Mathematik zurückgreifen oder auf die Erfahrung, d. h. auf das Experiment.
Die Frage der biologischen Selbstorganisation ist heute der Schwerpunkt unserer Forschungsarbeit. Wir treffen uns seit vielen Jahren einmal im Januar mit Kollegen aus aller Welt bei unserem Winterseminar in Klosters, wo wir diese Probleme sehr intensiv diskutieren. Die Selbstorganisation findet sowohl auf der molekularen Ebene statt, hat in der Evolution zum Aufbau der ersten belebten Systeme geführt. Sie findet aber dann auch weiter auf der zellulären Ebene statt, führt zur Morphogenese, zur Differenzierung - aus dem Embryo wird ja ein erwachsenes Lebewesen aufgrund eines zellulären Selbstorganisationsprozesses. Sie geht schließlich weiter bis ins Zentralnervensystem, wo sie die Grundlage des menschlichen Denkens darstellt. Wir haben uns in unserer eigentlichen Arbeit mehr mit den molekularen Systemen auseinandergesetzt. Vor allem können wir in diesen Systemen sehr sauber das Gesetzmäßige vom Zufälligen trennen. Wir können mit Molekülen arbeiten - es handelt sich dabei immer um eine große Zahl von Einzelindividuen, einzelnen Molekülen, so dass statistische Aussagen möglich sind. Wir können in Laboratoriumsversuchen exakte Randbedingungen schaffen, unter denen der Selbstorganisationsprozess, der Evolutionsprozess optimal ablaufen kann. Wir können studieren, welche Bedingungen notwendig sind, damit ein solcher Prozess optimal ablaufen kann, damit sich eine Funktion optimal einstellen kann. Wir haben das sowohl - zunächst einmal auf theoretischer Ebene - getan, wir haben eine Theorie der Selbstorganisation entwickelt. Sie basiert auf der Eigenschaft der Nukleinsäuren, sich selber zu reproduzieren. Es hat sich herausgestellt, dass diese Selbstreproduktion eine der wesentlichen Grundlagen der Lebensentstehung ist. Wir haben die Konsequenzen mathematisch ableiten können, wir haben Beziehungen gefunden. Es hat sich ein ähnliches Gebäude entwickelt, wie vor 100 Jahren etwa die Thermodynamik. In unserem Winterseminar in
Klosters werden dann diese Ergebnisse mit Forschern aus aller Welt
diskutiert, und unsere Diskussionen gehen weit über den engen Rahmen unserer eigenen Forschungsarbeit hinaus, ja sie gehen manchmal bis ins Philosophische hinein. So wie wir
hier gerade mit Prof. Schuster,
einem theoretischen Chemiker aus Wien,
Prof. Haken, theoretischer Physiker aus Stuttgart, der das Arbeitsgebiet der Synergetik entwickelt hat, und Prof.
Hans Frauenfelder, Schweizer, aber Professor heute in Urbana - so
wie wir das hier gerade lebhaft diskutieren. Wenn wir naturwissenschaftlich oder gesetzmäßig ein System beschreiben, dann kennen wir eigentlich nicht Begriffe wie "wahr" oder "richtig" oder "falsch" - das gibt es eigentlich gar nicht. Nun
könnte ich mir vorstellen, wenn ich ein abgeschlossenes System hätte, in dem ich die Gesetzmäßigkeit studieren kann, dann könnte ich ja sagen, der Zustand, der sich schließlich einstellen muß, ist der Zustand, der wahr ist oder richtig ist, und alle die anderen Zustände, die ständig aussterben, sind die Zustände, die falsch sind. Mich hat immer Tatsache interessiert, dass es diese Begriffe, die wir in unserm Sprachgebrauch haben - richtig, falsch, wahr, unwahr - dass es die in den Naturwissenschaften ja gar nicht gibt. Haken: Höchstens in einem relativen Sinne des allgemeinen Konsensus. Eigen: Setzt das nicht voraus, dass das System offen sein muß? Haken: Ja, weitgehend schon, weil man gewissermaßen ... es ist die Frage, ich meine, man kann auch
in einem abgeschlossenen System einen Konsensus finden. Eigen: Ja, meiner Ansicht nach nur. Im offenen
System eben nicht. Was heute richtig ist, kann morgen falsch
sein. Haken: Ja, ich muss meine Ansicht da korrigieren. Es stimmt tatsächlich, also in einem offenen System ist der Konsensus immer wieder Fluktuationen sozusagen ausgesetzt, neuen Ideen, neuen Testversuchen und kann dadurch umgewandelt werden. Schließlich gibt es da eine allgemeine Verunsicherung, und dann kommt vielleicht ein Konsensus zustande, der jetzt als die Wahrheit angesehen wird. Frauenfelder: Ja, ich bin noch nicht ganz einverstanden, dass diese Begriffe in der Naturwissenschaft nicht da sind. Ich meine, besonders Einstein z. B. hat den Begriff der Eleganz, der Richtigkeit, als einen der wesentlichsten ... Eigen: Das war aber sein menschlicher Einfluss, der nie auszuschalten ist. Frauenfelder: Das kannst du nicht trennen, die hängen zusammen. Schuster: Im Grunde genommen gibt es doch Beweise nur in der Mathematik, und dort habe ich ein abgeschlossenes System. Das habe ich von vornherein definiert. Innerhalb dieses Systems kann ich einen Beweis führen und damit ist sozusagen eine Form der Wahrheit gegeben. Eigen: Schön - und dann kommt Gödel...für die gesamte Mathematik geht's nicht. Haken: Aber auch innerhalb eines Systems geht's nicht immer. Frauenfelder: Nein, nein, in
der modernen Mathematik ist es nicht mehr ganz der Fall, da gibt es Gesetze, die nur zu einem bestimmten Bruchteil wahr sind, weil man sie mit dem Computer geprüft hat,
nicht, das ist nicht mehr absolut... Eigen: Du konfrontierst uns wieder mit der Realität. Aber mit der Sprache ist es ja auch so. Tarski ist doch genau, ... Haken: Richtig Eigen: Genau ... nur in einer Formalsprache kann man wahre Sätze, oder kann man in jedem Fall wahre Sätze formulieren. Haken: Um auf Gödel zurückzukommen, ich meine, auch in einem abgeschlossenen mathematischen System gibt es Theoreme, die ich nicht beweisen und nicht widerlegen kann. Das
ist natürlich auch wichtig für unsere Modellbetrachtungen, die wir machen wollen. Die Welt ist ja mehr oder minder unendlich. Können wir die Unendlichkeit auf endliche Größen reduzieren? Das ist eine relativ fundamentale Frage. Eigen: Ja,
aber, ist es nicht so, das gäbe es ja auch beim Evolutionsexperiment. Haken: Es kommt darauf an, welches du im Auge hast Eigen: ...daß die Alternativen nicht eindeutig definiert sind. Haken: Richtig. Eigen: Nimm doch eine neutrale Selektion. Da setzt sich ein Zustand durch Haken: Es sind alle gleichberechtigt. Eigen: ...aber wenn das Experiment ein zweites Mal gemacht wird, wird es ein Zustand sein, der sich durchsetzt. Nur irgendwie, ist es nicht so, daß, wenn man das an abgeschlossenen Systemen macht, dann ist immer, wenn man zu einem nicht abgeschlossenen System übergeht, also einen neuen Parameter hinzufügt, dann kann man immer diesen strange loop auflösen
... Haken: Den Teufelskreis durchbrechen, genau. Man muß aber dann eben ein Axiom hinzufügen, in dem Sinne.. Eigen: Es ist doch in der Kunst genauso.
Die Escher-Bilder. Haken: Richtig. Das ist die gebrochene Symmetrie, beispielsweise Eigen: Gebrochene Symmetrie, wenn man mal voraussetzt, dass seine Perspektiven alle richtig wären - was sie natürlich am Ende ja gar nicht sind. Haken: Eben. Eigen: Es wird eine Voraussetzung gemacht dabei. Schuster: Ich finde eine hübsche Analogie dieser beiden Formen von Evolution und Selektionsprozessen zu den Computermodellen, wie sie etwa Wolfram macht. Nicht, der hat da eine Reihe von solchen durchaus sehr komplexen Computermodellen, die immer in der nächsten Generation neue Formen entwickeln. Und da gibt es solche, die konvergieren, die nehmen dann einen bestimmten Endzustand ein, und dann gibt es eine ganze Reihe von solchen, die kein solches Konvergenzverhalten zeigen, die sind eben ganz einfach offen. Haken: Aber
da muß ich ein Gegenargument bringen, nämlich, Wolfram arbeitet ja mit endlichen Automaten, und man kann leicht zeigen, daß ein endlicher Automat immer periodisch wird. D. h., da ist immer ein letzter Zweifel noch, wie ist es wirklich final, oder Unendliche gehend, besser gesagt, inwieweit wird es vielleicht dann doch wieder periodisch? Also insofern scheinen mir die Wolframschen Ergebnisse nicht völlig überzeugend oder schlüssig zu sein. Eigen: Wie ist es,
man das jetzt auf den menschlichen Geist extrapolieren würde? Der ist ja auch kein abgeschlossenes System. Haken: Nein, der ist immer offen Eigen: Es wurde ja oft die Idee geäußert, wir sind schon deshalb begrenzt, weil ein System sich nie selber vollständig erkennen oder beschreiben kann, aber das ist ja gar nicht nötig. Indem wir ein offenes System sind, können wir beide uns zusammentun und den Hans beschreiben. Dann sind wir schon ein übergeordnetes System. Und so ist ja die ganze Wissenschaft, ist ja ein offenes Kommunikationssystem zwischen vielen Gehirnen, die durchaus Einzelphänomene in diesem Bereich beschreiben kann. Frauenfelder: Ja,
da würde ich aber nochmal zurückkommen auf das Vorhergehende, um zu sagen, dann kann es ja auch nicht ganz objektiv sein, in dem Sinn, dass immer Werturteile da sind, und nur, wenn ein System vollständig fertig ist und tot, dann ist auch nicht mehr interessant.
Eigen: ein offenes System kann es nicht, objektiv, ebenso wenig, wie es in einem offenen System einen Endzustand der Evolution gibt... Frauenfelder: Sehr richtig. Eigen: ...weil sich immer wieder durch Kombinationen neue Zustände bilden lassen.
Haken: Ich meine, wir kommen durch das kollektive Verhalten der vielen Forschung natürlich zu neuen Resultaten, aber wichtig ist doch immer, dass sich auch da wieder ein allgemeiner Konsensus herausbildet. Was würde es nützen, wenn ein einzelner eine großartige Idee hat, und sie kann sich nicht verbreiten, nicht fortpflanzen, wird nicht allgemein angenommen?
Eigen: Ja, das ist sicher so. Haken:
Irgendwie ist es bei der Produktivität des Gehirns nicht nur so, dass es nicht nur etwas Neues bringen muss, es muss auch irgendwie adaptabel sein, oder aufnehmbar durch die anderen. Zumindest eine genügend große Gruppe, die die Idee dann selbst reproduktiv weiterträgt. Eigen: Wir haben
uns jetzt sehr weit, glaube ich, von unserem Ausgangpunkt entfernt.
Eigen, Manfred
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Metadaten

Formale Metadaten

Titel Manfred Eigen zu seinem wissenschaftlichen Werdegang und seinen Forschungen - Aufnahmen aus den Jahren 1981-1986
Alternativer Titel Manfred Eigen on His Scientific Development and His Research - Filmed from 1981 to 1986
Autor Dolezel, Stephan
Lizenz Keine Open-Access-Lizenz:
Es gilt deutsches Urheberrecht. Der Film darf zum eigenen Gebrauch kostenfrei genutzt, aber nicht im Internet bereitgestellt oder an Außenstehende weitergegeben werden.
DOI 10.3203/IWF/G-223
IWF-Signatur G 223
Herausgeber IWF (Göttingen)
Erscheinungsjahr 1988
Sprache Deutsch
Produzent IWF (Göttingen)
Produktionsjahr 1986

Technische Metadaten

IWF-Filmdaten Video ; F, 34 min

Inhaltliche Metadaten

Fachgebiet Chemie
Abstract Von der Musik zur Physik und Chemie - "Unmeßbar schnelle Reaktionen" - Relaxationsverfahren - Nobelpreis; Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen - Fragen nach der Selbstorganisation chemischer Systeme - zu Darwins Evolutionstheorie - Evolution und dynamische Systeme - Richtig/falsch, wahr/unwahr in den Naturwissenschaften. Mit Aufnahmen einer Schallplattenaufzeichnung, eines öffentlichen Vortrags, einer Diskussion mit Hans Frauenfelder, Hermann Haken und Peter Schuster sowie persönlichen Statements. (Ausschnitt aus G 218).
From music to physics and chemistry "immeasurably fast reactions" - relaxation process - Nobel prize at the Max Planck Institute. Questions about self-organization in chemical systems, to Darwinism, evolution and dynamic systems, right/wrong, true/false in science. Discussion with Hans Frauenfelder, Hermann Haken and Peter Schuster as well as personal statements.
Schlagwörter Darwin, Charles
Schuster, Peter
Haken, Hermann
Frauenfelder, Hans
Persönlichkeitsaufnahme
Nobelpreisträger
Eigen, Manfred
Synergetik
System, dynamisches
System / Selbstorganisation
Selbtsorganisation chemischer Systeme
Evolutionstheorie
Reaktionskinetik
Kinetik
Relaxationsverfahren
Reaktion, unmeßbar schnelle
chemical kinetics
reaction, immeasurably fast
reaction rate
relaxation process
evolution theory
self organisation / chemical systems
dynamic system
synergetics
Eigen, Manfred
Frauenfelder, Hans
Haken, Hermann
Schuster, Peter
Darwin, Charles
Nobel laureate
portrait

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