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GerLiLi – Grundbegriffe der Dramenanalyse: Prosadrama

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Title
GerLiLi – Grundbegriffe der Dramenanalyse: Prosadrama
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13
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CC Attribution - NonCommercial - NoDerivatives 4.0 International:
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Die Unterscheidung zwischen einem Vers- und Prosadrama ist bei der Betrachtung des geschriebenen Textes üblicherweise so unkompliziert wie einfach zu leisten, da sich die Anordnung der Verse schon rein optisch deutlich vom blockartigen Fließtext des Prosadramas unterscheidet. Schwieriger ist es mitunter, diesen Unterschied im inszenierten Stück selbst herauszuhören. Welcher Effekt sich jeweils ergibt, sollen daher im Folgenden nicht nur die Textauszüge, sondern besonders die Videoaufnahmen der inszenierten Szenen zeigen. Als Beispiel für ein Versdrama dient dabei der 8. Auftritt des 5. Aufzugs aus Friedrich Schillers (1759–1805) Tragödie Maria Stuart (gedr. 1800, UA 1800). Als Beispiel für ein Prosadrama wird der 2. Auftritt aus dem 1. Aufzug aus Gotthold Ephraim Lessings (1729–1781) bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti (gedr. 1772, UA 1772) herangezogen. In der ersten Szene befindet sich die titelgebende Maria Stuart kurz vor der Katastrophe und damit am Ende des Stücks: Das Todesurteil über sie ist gefällt, sie hat sich mit ihrem Schicksal arrangiert und sich fromm in dieses gefügt. Im 8. Auftritt wird dem Publikum diese würdevolle, königliche Haltung vorgeführt, indem Maria abgeklärt ihre letzten Wünsche artikuliert und überdies noch ihrer Widersacherin, Königin Elisabeth, vergibt, die maßgeblich für das nun zu vollstreckende Todesurteil verantwortlich ist. Mit Marias Tod und Elisabeths Isolation als Folge hiervon schließt das Stück. Die zweite Szene (aus Lessings Emilia Galotti) befindet sich dagegen am Beginn des Werks: In der Exposition wird der Prinz charakterisiert, indem wir ihn bei der Verrichtung seiner alltäglichen Pflichten und im Umgang mit seinen Untertanen erleben. In der Szene erleben wir ihn, wie er in einem leichtherzigen, etwas oberflächlich-schwatzhaften, aber jovial-wohlwollenden Ton mit seinem Hofkünstler Conti spricht, der ihm einige seiner neuesten Werke präsentiert. Der Prinz ist hierin als typisch adeliger Standesvertreter zu erkennen: sich selbstverständlich als Mäzen betätigend, aber allenfalls oberflächlich an diesen Herrscheraufgaben interessiert; leicht überheblich, aber auf naive Weise durchaus gutwillig. Die Szenen mit dem Hofmaler dienen überdies dazu, das Publikum über das für das weitere Stück zentrale Verhältnis zwischen dem Prinzen und Emilia Galotti aufzuklären. Mit des Prinzen Reaktion auf eine Gemäldekopie, die Emilia Galotti zeigt und die der Conti in den nachfolgenden Auftritten heranholt, wird der sich anbahnende Konflikt vorbereitet. Wie wir im Folgenden erfahren, hofft er vergebens, sie für sich zu gewinnen, denn sie ist mit einem anderen verlobt und lebt als wohlerzogene, fromme Bürgerstochter nach anderen Werten als der Prinz. Beim Vergleich beider Szenen fällt auf, dass die in Prosa verfasste Szene aus Emilia Galotti alltagsnäher wirkt und einen stärker individualistischen Zug aufweist, auch wenn sie heutigen Zuschauern von der Wortwahl her altertümlich anmuten mag. Im Versdrama wirken die Redebeiträge aller Figuren, Marias, Burgleihs und Paulets, dagegen einförmiger, da sie im selben Versmaß gebunden sind. Lessings Prinz und Conti schlagen im wahrsten Sinne einen ‚anderen Ton‘ an. Der dramentypische jambische Blankvers, in dem Maria Stuart verfasst ist, wird zwar sehr natürlich gesprochen, dennoch ist die strengere Durchformung der Rede im Versdrama weiterhin gut herauszuhören. Sie wirkt insgesamt etwas fremder, rhetorisch stärker gestaltet, mithin „kunstvoller“ und ist damit für das Publikum auch weiter vom alltäglichen, vornehmlich pragmatischen Sprachgebrauch entfernt. Im Vergleich zur Figurenrede Maria Stuarts mutet der Dialog zwischen dem Prinzen und Conti daher deutlich ungezwungener, natürlicher an, ohne dabei jedoch trivial zu sein. Der durchaus gelehrig-anspruchsvolle, aber in der Sache belanglose Plauderton des Prinzen, der auch vom Hofkünstler aufgegriffen wird, ist mittels seines Prosacharakters deutlich stärker durch individuelle Merkmale geprägt: Er zeichnet den Hof, die Sphäre des Adels und seiner Satelliten, als eine kultivierte, aber letztlich affektierte, dekadent-übersteigerte Lebenswelt, die sich im scharfen Kontrast zur bürgerlichen Wertewelt der Galottis befindet. Dies wird auch im weiteren Verlauf des Stücks deutlich. Damit erfüllt die Prosarede der Figuren, die die Charakterisierung eines ganzen Standes, einer Lebenswelt über deren sprachliche Stilistik erst eindrücklich möglich macht, auch eine inhaltliche Funktion im Stück. Da die Länge der Figurenrede im Prosadrama überdies nicht durch die Verslänge gebunden ist (oder allenfalls durch Antilaben erzeugt werden kann), wirkt der Dialog zwischen dem Prinzen und Conti durch die kurzen Redebeiträge und schnellen Redewechsel zudem sehr kraftvoll und dynamisch, obwohl er noch keine intensiven Affekte behandelt oder besonders „dramatisch“ aufgeladen ist. Auch durch diesen eigenen Rhythmus setzt sich der Stil des Prosadramas Emilia Galotti merklich vom Versdrama Maria Stuart ab. Die Charaktere Lessings wirken extrem lebensnah und ermöglichen es dem Zuschauer dadurch, sich stark mit den auf der Bühne vorgeführten Konflikten zu identifizieren. Die passagenweise starken Emotionen in Maria Stuart wirken durch die Versrede gleichsam gebändigt. Der Zuschauer soll folglich nicht davon mitgerissen und überwältigt werden, sondern den Geschehnissen rational folgen und diese einordnen und bewerten können. Während Lessings Drama in einer nicht näher spezifizierten Jetzt-Zeit spielt, situiert Schiller schon durch die Wahl des Stoffes sein Drama in einer genau definierten Vergangenheit. Die verbürgten Ereignisse sollen vorgeführt werden, ohne illusionistisch den Zuschauer in eine andere Welt zu entführen. Folglich stehen bei der Wahl eines Autors, ob er nun ein Vers- oder ein Prosadrama verfassen soll, auch wirkungsästhetische Überlegungen im Fokus. Die Videoaufnahme folgt: Schiller, Friedrich: „Maria Stuart“. In: Ders.: Schillers Werke. Nationalausgabe. 43 Bde. Hrsg. von Julius Petersen/Gerhard Fricke. Weimar 1943ff. Bd. 9,1: Maria Stuart. Hrsg. von Nikolas Immer. Weimar 2010, S. 5–180, hier S. 167–168.
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