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GerLiLi – Grundbegriffe der Dramenanalyse: Nebentext

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GerLiLi – Grundbegriffe der Dramenanalyse: Nebentext
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13
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Der obige Szenenausschnitt ist der 3. Szene des 2. Aufzugs aus Heinrich von Kleists (1777–1811) Tragikomödie Die Familie Schroffenstein (gedr. 1803, UA 1804) entnommen. In ihr wird der Streit zwischen der in zwei Familienzweige, Rossitz und Warwand, geteilten Familie Schroffenstein im mittelalterlichen Schwaben geschildert. Nachdem der jüngste Sohn der Familie Rossitz tot und verstümmelt aufgefunden worden und nicht klar ist, wer hierfür die Verantwortung trägt, droht der schwelende Konflikt in die gegenseitige Vernichtung der Familienzweige auszuarten. Diese stehen sich nun in offener Fehde gegenüber. Ottokar aus dem Hause Rossitz und Agnes aus dem Hause Warwand versuchen indessen, diese Eskalation zu verhindern, indem sie den Todesfall aufklären, da sie einander über die Kluft der Häuser hinweg lieben. Der Anfang der hier zitierten Szene spielt, wie der Nebentext offenbart, vor den Toren des Stammsitzes der Familie Warwand. Kurz zuvor ist Agnes von einer „Gegend im Gebirge“ (so der Nebentext der 1. Szene im 2. Aufzug) nach Warwand zurückgekehrt, nachdem sie sich mit Ottokar ausgetauscht und Johann am Horizont hat auftauchen sehen. Sie fürchtet nun, dass Johann aus dem Hause Rossitz sie aus Rache ermorden will. Was sie nicht weiß: Johann, der Halbbruder Ottokars, hat diesem zuvor seine (vergebliche) Liebe zu Agens gestanden. Nachdem Ottokar es dem im Liebeswahn lebensmüde gewordenen Johann verweigert hat, ihn im Duell zu töten, stürmt er Agnes hinterher, um sich von ihr erstechen zu lassen. Sie dagegen denkt, dass er sie erstechen will. Der Haupttext ist mit dem gesprochenen Figurentext identisch. Dies lässt sich deutlich an der Inszenierung (siehe Video) erkennen: Alles, was von den Schauspielern gesprochen wird, ist Figurenrede, ist Haupttext. Das Bühnenbild („Platz vor den Toren von Warwand“) sowie die Gesten und Mimik („tritt in Hast auf“, „ergreift sie“, „Er küßt sie“) ergeben sich aus dem Nebentext. Je nachdem, wie genau der Regisseur den Nebentexten folgt, beeinflussen diese das Rollenspiel der Schauspieler mehr oder weniger stark. Da beinahe alle Dramentexte für die Aufführung und nicht als reine Lesedramen konzipiert sind, stehen Haupt- und Nebentext natürlicherweise in einem komplexen und teilweise spannungsgeladenen Verhältnis zueinander: Der Haupttext ist klar, wie er jedoch durch Gesten und Mimik vermittelt, also auf der Bühne dargestellt wird, darüber gibt der Nebentext i. d. R. nur vereinzelte Hinweise, lässt den Schauspielern und der Regie also größere oder kleinere Spielräume. Der Nebentext gibt Hinweise zur Szenengestaltung und zentrale Hinweise zur Interaktion der Figuren, aus dem sich die Aufführungspraxis auf der Bühne ergibt. Er legt also fest, wie bestimmte Aussagen der Figuren zu verstehen sind, in welchem Verhältnis sie sich zueinander befinden, was sie gerade fühlen usw. Die hastige Flucht von Agnes, Johann der sie am Arm greift und ihr später den Kuss aufzwingt, können wir im Video wiederfinden. Darüber hinaus lässt der Text der Interpretation der Schauspieler bzw. der Regie weitere Freiräume: Dass Johann Agnes nicht nur „ergreift“, sondern sie teilweise an sich drückt, sich ihr zu Füßen wirft, um ihr im Wahn den Dolch in die Hände zu drücken, das ist der Versuch der Schauspielerin, dem im Haupttext offenkundigen Rausch der Figur, über die expliziten Hinweise im Nebentext hinaus, für das Publikum Ausdruck zu verleihen. Diese Bewegungen in Form von Gestik und Mimik nennt man auch „kinesische Zeichen“ (siehe auch Tanja Angela Kunz 2023: https://youtu.be/uMp0fPuNDF0). Sie können als Nebentext auf der Ebene des Dramentextes, aber auch in einer konkreten Inszenierung dieses Textes für die Analyse wesentlich sein. Nebentext und Haupttext können sich wie hier gegenseitig verstärken: So spiegeln die Hast Agnes’, der Griff Johanns und sein verzweifelter Kuss alle die innere Verfassung der Figuren: Agnes Angst davor, von Johann ermordet zu werden; Johanns Angst, Agnes zu verlieren, und sein rasender Wunsch nach Nähe. Nebentext und Haupttext können einander aber auch widersprechen, einander modifizieren, etwa dann, wenn eine Geste eine Aussage als offenkundig ironisch kennzeichnet usw. Dies ist in unserem Filmbeispiel aber nicht der Fall. Was anhand der Inszenierung der Szene deutlich wird, ist nicht nur, wie sich Haupt- und Nebentext im dargestellten Stück manifestieren und voneinander unterscheiden, sondern auch, dass kinesische Zeichen kommunikative Handlungen darstellen. Unabhängig davon, ob wir ein Dramenstück nun als Text oder als Inszenierung analysieren, ist es wesentlich, diese beiden Ebenen zu unterscheiden und in ihrem jeweiligen Verhältnis zueinander zu erfassen: Was macht der Nebentext mit dem Haupttext? Wie stehen sie zueinander? Verstärken oder modifizieren sie sich? usw. Die Videoaufnahme folgt: Kleist, Heinrich von: Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Hrsg. von Curt Hohoff. Stuttgart 2008, S. 43–44.
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