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Zwischen vielen Fragezeichen. Zum Nordrand der Mittelgebirgszone im 3.–1. Jahrhundert v. Chr.

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Formale Metadaten

Titel
Zwischen vielen Fragezeichen. Zum Nordrand der Mittelgebirgszone im 3.–1. Jahrhundert v. Chr.
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34
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Erscheinungsjahr
Sprache
Produktionsjahr2022
ProduktionsortHannover

Inhaltliche Metadaten

Fachgebiet
Genre
Abstract
Das Gebiet zwischen Maas im Westen und Harz im Osten, zwischen Main im Süden und Cloppenburger Hochgeest im Norden ist vom 3.-1. Jh. v. Chr. zwar stark von der gemeinhin als "keltisch" angesehenen Latènekultur beeinflusst, ist dieser aber nicht zuzurechnen. Es gilt traditionell als Kontakt- oder Zwischenzone zwischen Kelten und Germanen. Bernhard Sicherl behandelt in seinem Montagsvortrag die Fragen der regionalen Differenzierung – und deren Interpretation, Fragen nach der sozialen Gliederung sowie nach der Funktion der für die nördlichen Mittelgebirge typischen Wallanlagen. Dabei soll einerseits der Forschungsstand skizziert werden, anderseits sollen Entwicklungen der letzten Dekate benannt werden, die Fragen die zukünftige Forschung aufwerfen.
Schlagwörter
Computeranimation
Transkript: Deutsch(automatisch erzeugt)
Ja, herzlich willkommen zum zweiten hybriden Montagsvortrag im NLD. Ich hoffe, dass es diesmal funktioniert.
Letztes Mal konnten wir Ihnen den Vortrag ja erst einen Tag später nachreichen. Und ich freue mich ganz besonders, dass wir heute Herrn Dr. Bernhard Sichal hier haben. Er ist Vorstand der Grabungsfirma Archäologie am Hellweg EG. Er hat aber auch schon eine reiche Vita an archäologischen Forschungen hinter sich im Schwerpunkt Eisen- und Bronzezeit.
Das ist auch das, was wir heute hier hören werden. Er hat in Münster Uhr- und Frühgeschichte klassische Archäologie und Philosophie studiert und dort 1995 promoviert. Mit einer Arbeit über die mittlere Bronzezeit in Tschechien und Niederösterreich.
Anschließend hat er sein Volontariat in der IWL-Altertumskommission gemacht und diverse Ausstellungen mit vorbereitet oder konzipiert. Unter anderem für das Landesmuseum in Detmold.
Ja, und wir sind sehr gespannt, quasi jetzt mal einen Blick von außerhalb Niedersachsens zu bekommen. Bevor es losgeht, wollte ich Sie noch darauf aufmerksam machen, dass am 4. Juli der nächste Montagsvortrag stattfindet. Dann von Jochen Brandt. Thema ist ein außergewöhnliche Fiebel des neunten Jahrhunderts von dem spätsextischen Gräberfeld bei Neuwolmstorf-Elstorf.
Und ich möchte Sie auch noch gern darauf hinweisen, dass wir am 28.06. die nächste Ausgabe unseres Formats Denkmalatlas vor Ort haben. Diesmal geht es ins Landesmuseum Hannover, wo wir uns die Ausstellung Die Erfindung der Götter ansehen werden.
Und wir haben auch noch zwei weitere Veranstaltungen vor der Sommerpause. Das eine ist die Tagung zum Zeller Schlosskapelle am 30. Juni in Zelle. Und das zweite ist die Finissage unserer Rwanda-Ausstellung hier in der Kapelle des NLD. Also wenn Sie sie noch nicht gesehen haben, dann gucken Sie sich noch an. Und wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, dann kommen Sie am 5. Juli zu der Finissage.
Da geben wir noch mal einen kleinen fachlichen Ausblick. Also nun aber zu Ihnen. Ich danke Ihnen, dass Sie das machen. Wir sind alle sehr gespannt auf Ihre Einblicke.
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich möchte mich nochmal bedanken für die Einladung nach Hannover. Das ist durchaus etwas unverhofft gekommen, weil mein Hauptarbeitsgebiet ist eigentlich Westfalen. Trotzdem berühren sich natürlich immer die Arbeitsgebiete Südliches Niedersachsen und Westfalen.
Und man muss einfach überregional schauen, um vernünftige Ergebnisse zu kriegen. Von daher bin ich auch froh, hier zu sein. Und komme damit zum Vortrag zwischen Friel und Fragezeichen zum Nordrand der Mittelgebirgszone im dritten und bis ersten Jahrhundert vor Christus.
Zunächst mal zur Gliederung des Ganzen. Es gibt eine forschungsgeschichtliche Einführung. Dann werde ich als einen inhaltlichen Schwerpunkt regionale Gliederung. Wie kann man diesen Raum nördliche Mittelgebirgszone fassen und vielleicht in kleinere Gruppen gliedern?
Als zweiten inhaltlichen Schwerpunkt dann die soziale Gliederung. Die Eigenheiten des Raumes haben vielleicht auch etwas mit sozialer Gliederung zu tun, mit speziellen Sozialformen.
Und dann das letzte ist eher eine Art Ausblick zu viele neue Daten. Die Frage ist halt, wie können wir weiterarbeiten in einem veränderten Umfeld von Archäologie in den letzten Jahrzehnten? Und dann zum Schluss nochmal ein etwas persönlich gehaltenes Fazit.
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Nein, der geht nicht über den unteren Bildschirm raus.
Zur Einführung erst mal, in welcher Zeit bewegen wir uns. Abstrakt drittes bis erstes Jahrhundert vor Christus.
Das kann man aber auch kulturell oder historisch sehen. Es ist praktisch die Hochzeit der keltischen Expansionen nach Osten. Im Westen, also in Italien, ist die erste Expansionsphase praktisch schon auf dem Niedergang.
Während eben in den Jahren 283 bis 279 vor Christus viele historische Ereignisse passieren, die eben den Balkanraum betreffen. Trakien und Griechenland werden von keltischen Heeren überzogen und die Galater setzen über nach Kleinasien und werden dort ansässig.
Dann im vierten Viertel des dritten Jahrhunderts haben wir auch die ersten germanischen Stämme im Schwarzmeergebiet. Dann, ganz wichtig, Kimbern und Teutonen, die etwa um 120 vor Christus aufbrechen mit ihren Wanderungen nach Süden.
Und dann eben 113 vor Christus, die Schlacht in Norea gegen die Römer und das Ende der Kimbern und Teutonen, 102 und 101 vor Christus.
Und das Ende unserer Betrachtungszeit wird dann sein in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts vor Christus,
Zum Raum haben wir einmal im Süden, ganz grob durch diese blaue Linie, abgegrenzt die Latenkultur, die gemeinhin als keltisch bezeichnet wird,
die durch bestimmte Stilmerkmale, Bestattungssitten usw. gekennzeichnet ist. Und im Nordosten die Jasdorfkultur, vor allen Dingen durch Urnengräberfelder
bekannt und gerade hier in Niedersachsen natürlich prägend und im Elbegebiet. Und dazwischen, in diesem Dreieck, ist eine Zone. Ich habe dir jetzt mal drei Fragezeichen da hingesetzt. Das Problem bei dieser Zone ist, dass wir halt wenig einheitliche Merkmale haben, dass wir jetzt sagen könnten, es ist eine gemeinsame Kultur,
sondern es ist eher ein Raum, der sich negativ definieren lässt durch die Abgrenzung von der Jasdorfkultur und von der Latenkultur. Selbst ein einheitlicher Begriff fehlt also dafür. Ich selber spreche
meistens von Kontaktzone oder eben, jetzt kommen wir zum forschungsgeschichtlichen Teil, dann wird auch Nordwestblock bezeichnet. Der Begriff kommt vom sogenannten Dreimännerbuch.
Rolf Hachmann, Georg Kosak, zwei prägende Professoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, haben ihre Antrittsvorlesungen veröffentlicht zusammen mit einem Sprachhistoriker Hans Kuhn, der damals eben schon länger an dem Thema geforscht hat. Alle drei haben im Grunde einen ähnlichen Ansatz gehabt,
dass eben dieser nordwestdeutsche Raum, der sich von Jasdorfkultur und Latenkultur abgrenzt, was Besonderes hat. Und Kuhn versuchte dann mit seiner Nordwestblockhypothese auch sprachliche Eigenheiten dort rauszufiltern.
Das ist weit, das ist sehr umstritten, wurde auch sehr viel rezipiert bis 80er, Anfang 90er Jahre. Zu den sprachgeschichtlichen Details ist es immer noch nicht durchdiskutiert. Soweit ich das bei den Sprachwissenschaftlern sehe, gibt es dann noch keine ganz einheitliche Meinung, auch wenn die Tendenz
wohl eher dahin geht, dass wir dort keine komplette Abgrenzung von Germanen haben, sondern dass das schon ein sprachlich-germanischer Raum ist. Das soll uns aber auch nicht weiter interessieren. Für uns sind die kulturellen Eigenheiten und die archäologische Signifikanz ist wichtig.
Und da eben haben Hachmann und Cossack sicherlich ein Wesentliches auch angestoßen mit diesem Buch. Sie haben also die Konzeption von einem Raum, der weder keltisch noch germanisch ist. Interessanterweise etwa zur selben Zeit wie ein Jahr vor dem Buch von Hachmann, Cossack und Kuhn kamen also auch Asterix bei den Goten raus.
Und dort ist eben in einer Szene genau das. Also es ist nicht so richtig vertraut, das Bild unserer Gallier, sondern es ist in germanischer Gewandlung.
Dann Anfang der 2000er Jahre sieht man, dass sich oder seit Mitte der 90er Jahre hat sich eine Verlagerung von Forschungsschwerpunkten vollzogen, sodass man vor allen Dingen eher jetzt auf Mitteldeutschland, Süddeutschland geguckt hat.
Und das schlägt sich hier zum Beispiel in einem eigentlich sehr vorzüglichen Buch nieder von Piotr Uszkiewicz und Ronald Bockius, wo nämlich der nordwestdeutsche Raum eigentlich praktisch ausgeblendet ist,
sondern eben die Hauptauswertung immer wieder auf Süddeutschland und Mitteldeutschland sich bezieht. Das war Anfang der 2000er Jahre der Forschungsstand und 2009 stand in Detmold das Varusjubiläum an.
Und im Vorfeld dieses Jubiläums wurde also ein Programm Römer und Germanen in Ostwestfalen Lippe initiiert, um eben den Forschungsstand zu verbessern und überhaupt zum Varusjubiläum irgendwas sagen zu können,
wie die Vorgeschichte in unserem nordwestdeutschen Raum aussieht und da den Forschungsstand deutlich zu verbessern. Also es geht dann eben los, programmatisch terra incognita in Colloquium, wo der Forschungsstand erstmal zusammen getragen wurde.
Dann kam Michael Zelle für die Varusschlacht Katalog auf mich zu. Ja, kannst du das nicht mal knapp zusammenfassen für den Katalogband? Und das aus dem knapp zusammenfassen der vorrömischen Eisenzeit auf 15
Seiten ist im Grunde die dauernde Beschäftigung mit diesem Thema weiter erwachsen. Und es kamen dann in Folge noch Materialpublikationen, um eben die Materialkenntnis für unseren Raum deutlich zu verbessern. Man könnte jetzt noch fortsetzen hier, dass auch in der
aktuellen Landesausstellung das Germanische dort auch wieder einen besonderen Schwerpunkt bringt. Und von Patrick Könemann dort also auch wieder das in den Mittelpunkt gestellt wurde. Dann ganz wichtig in den zweiten Hälfte 2000er Jahre die Dissertation von Sebastian Möllers zu Schnippenburg.
Wenn man sich das überlegt, also 2009 war die eigentliche Dissertation und nebenbei kam dabei raus ein internationales Colloquium. Ein Jahr später der Tagungsband veröffentlicht und eine Ausstellung mit einem entsprechenden Begleitband dazu.
Das war also eine unwahrscheinliche Arbeitsleistung, die auch enorm viel an neuen Gedanken in die Diskussion reingebracht hat. Nicht nur über die Wallburgen, sondern überhaupt über die Stellung unseres nordwestdeutschen Raums in der vorrömischen Eisenzeit, in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit.
Und nicht zu vergessen hier, dass Erhard Kosak hat wesentliche Studien, die aus seinem viel umfangreicheren Lebenswerk beziehen sich eben auch auf die vorrömische Eisenzeit.
Und da sind natürlich das Scheiterhaufengräberfeld von Sorsum und dann eben die Arbeiten zu den Wallanlagen in Südniedersachsen herausragend. Ganz egal, wie man vielleicht zu einzelnen Thesen steht, so ist das doch
eine unwahrscheinliche Materialveröffentlichung und ein Quantensprung in unserem Kenntnisstand, den Erhard besitzt hat. Kommen wir nach dieser kurzen Einordnung zu diesem inhaltlichen Schwerpunkt regionale Gliederung.
Diese Karte war praktisch die Essenz des Aufsatzes 2009 in dem Varus-Katalogband, wo ich versucht habe, wenn wir schon keine gemeinsamen Merkmale für diesen Raum finden und ein Ding nicht an sich in den Griff kriegen, dann muss man halt versuchen, es zu analysieren und in kleinere Bestandteile aufzulösen.
Und ich habe versucht damals die Aufbau und Vorarbeiten von Wilhelmi oder auch von Vogt in Thüringen bestimmte Gruppen zu definieren anhand von Trachtbestandteilen zunächst mal.
Und diese Essenz ist praktisch eine Flächenkartierung. Das ist natürlich für einen Vorgeschichtler immer etwas unglücklich, weil man nicht sieht, was ist eigentlich die Grundlage davon, was steckt dahinter, hinter diesen Gruppen. Und das soll jetzt im Folgenden eigentlich der Schwerpunkt sein, dass wir gucken,
was hilft uns hier bei der regionalen Gliederung, was steckt hinter diesen Gruppen. Es kommt dazu noch eine kleine Modifikation. Heute würde ich hier in Nordhessen durchaus noch eine weitere Unterscheidung machen. Wir werden auch sehen, warum. Also das hier würde ich jetzt in zwei Gruppen aufsplitten.
Und im Folgenden sollen uns vor allen Dingen diese durch ovale gekennzeichneten Gebiete interessieren, die eben das westliche und südliche Niedersachsen und dann Ostwestfalen und Nordhessen umfassen.
Eine Grundlage ist, wie schon gesagt, die traditionelle Typenkartierung. Natürlich beschränke ich mich dabei auf Formen, die besonders charakteristisch sind, die auffällig sind und die kleine Verbreitungsgebiete haben. Die meisten dieser Typen sind durchaus auch selten an Kleinfunden,
sodass zum Teil eben auch, um so eine Gruppe überhaupt definieren zu können, mehrere verschiedene zusammengezogen werden, hier eben durch die gleichartigen Farben bei verschiedenen Symbolen dargestellt.
Wenn man das dann nun in einer Punktkartierung gegeneinander stellt, dann sieht man schon deutlich, dass hier einzelne Zonen Schwerpunkte haben, sich aber nicht scharf voneinander abgrenzen lassen. Es schwimmt praktisch diese Typenverbreitung immer etwas ineinander über,
aber es gibt schon deutliche Kernzonen, die eben durch diese Kreise symbolisiert werden sollen. Also dass man den Eindruck hat, hier steckt was in der Typenkartierung drin, was gewisse Kernräume definieren könnte.
Das alleine reicht sicherlich noch nicht und wäre so vom Ansatz her sicherlich noch ein bisschen zu wenig. Man kann aber dann versuchen, ganz verschiedene Gruppen von Gegenständen
oder eben auch von Verhaltensweisen auch unter diesen Gesichtspunkt nochmal auszugliedern. Hier habe ich mal die Hohlbuckelringe aus dem dritten Jahrhundert vor Christus genommen, die zwar ein überregionales Phänomen sind, aber durchaus kleine stilistische Unterschiede zeigen,
wie ist der Überfangguss, sind sie im Überfangguss gemacht, sind sie im Überfangguss Bronze-Bronze oder Bronze auf Eisenring, dann bestimmte Stilgruppen, also dass man im Grunde was hat, was von außen relativ ähnlich aussieht, aber doch technisch stilistisch sich deutlicher unterscheidet und vielleicht eben eine Art von Werkstattkreisen hier raus zu filtern ist.
Und auch da gibt es eben doch Schwerpunktsetzungen, die nicht ganz so klar sind wie bei den sehr verschiedenen Typen,
aber wo man doch bestimmte Schwerpunkte auch hier wieder finden kann. Interessanter wird das Ganze dann mit der regionalen Gliederung, wenn man eben sich von den Typen wegbewegt zu was, was mehr sozialen Inhalt hat.
Ich nenne das jetzt Kartierung von Wirtschaftsweisen. Als Beispiel sind hier die Kegelstumpfgruben der vorrömischen Eisenzeit genommen. Man könnte jetzt einfach alle Kegelstumpfgruben, also hier ist diese Grubenform noch kurz zur Einführung, falls ihr es nicht kennen. Also die Gruben werden unten breiter, oben haben sie eine Art flaschenförmigen Hals
und ein Fassungsvermögen von etwa drei Kubikmeter bis fünf Kubikmeter und mehr und dienen vor allen Dingen zur Getreidelagerung. Wenn man Getreide in solchen Gruben einlagert, bildet sich im Inneren Kohlendioxid,
was den Inhaltern das Korn gegen Kornkäferbefall immun macht oder Nagetiere auch. Man sieht sogar, wenn man gräbt dann bei den Tiergängen, die auf diese Gruben zugehen, manchmal, dass die Hamster schon wieder abbiegen, weil die riechen, dass das also mit den Gasen da nicht gut für sie ist.
Das heißt, wir haben hier eine Grubenform, wo extrem große Vorratsmengen auf einen Schlag gelagert werden müssen. Und, das kommt noch hinzu, diese Gruben müssen auch auf einen Schlag entleert werden.
Man kann sie nicht, diese drei Kubikmeter Getreide, dann etwa teilentnehmen, sondern es muss auf einen Schlag entnommen werden, sonst, wenn die Gruben nicht komplett gefüllt sind, verdirbt der Inhalt komplett und das will man natürlich vermeiden. So, dass es da auch dann in der Weiterverarbeitung der Vorräte deutliches Potenzial für eine höhere Wirtschaftsweise, für eine Logistik hat.
Wie geht man mit diesen Vorräten um? Man kann die darin hinterher auch und solche Sachen. Aber es ist eben schon eine kniffligere Sache, die für eine reine Subsezenzwirtschaft
nicht unbedingt notwendig ist und auch in vielen Zeiten eben nicht gebraucht wurde. Aber wir haben sie halt in bestimmten Zeiten. Und wenn man dann schärfer kartiert und nur nach Zeitstufen kartiert, also nach datierten Gruben kartiert, dann kriegt man auf einmal ganz interessante Phänomene raus, dass sich nämlich auch hier die Anlage dieser Gruben auf bestimmte Zeiten konzentriert.
Also kann man davon vielleicht ausgehen, dass wir in bestimmten Phasen bestimmte Wirtschaftsweisen haben. Hier ist nochmal diese Trennung in Hessen, das finde ich also sehr auffällig, dass wir vor allen Dingen eben in der Haltstadtzeit und dann in der anschließenden Frühlatenzzeit diese Grubenformen haben,
während wir hier eben in Nordhessen tauchen in die Datierten erst in der Spätlatenzzeit und Mittellatenzzeit auf. Also zu völlig anderen Phasen, als ob hier eben gegeneinander abgegrenzte Wirtschaftsräume sind.
Ähnlich hier auch im Minden-Ravensberger-Land sind die also relativ spät, während eben in Süden Niedersachsen zwar schwerpunktmäßig späte Gruben da sind, aber eben auch vereinzelt frühere. Man könnte das natürlich auch für die Latenkultur hier durchgehen. Auch hier gibt es eben ganz auffällige Unterschiede.
Hier fehlen diese spätlatenzzeitlichen Gruben, während sie eben in der Wetterau und im Rhein-Main-Gebiet sogar überwiegen. Also das heißt, wir haben hier nicht nur irgendwelche Typen, nicht nur irgendwelche Werkstattkreise, die sich gegenseitig abgrenzen,
sondern hier kommen wir tatsächlich vielleicht doch was in Sozialordnung, Wirtschaftsweise rein, was sich schemenhaft in diesen Gruppen abzeichnet.
Und das Gleiche, jetzt müssen wir gerade mal gucken. Ähnlich ist es dann mit den Bestattungssitten. Wir haben in unserem Raum ja einmal die Urnengräber, dann Brandschüttungsgräber, also das heißt die Urnengräber mit Schalterhaufen Asche überkippt,
oder eben die Brandgrubengräber, würde Herr Kosak sich jetzt wahrscheinlich nicht freuen, wenn ich jetzt sage, aber Brandgrubengräber, das heißt, wo wir nur die Schalterhaufen Asche in der Grube haben und dann noch als Untertyp, dann gibt es eben Brandgrubengräber mit Leichenbrand-Nestsand drin,
also mit Leichenbrandkonzentration. Die einen nenne ich Streubrandgruben, weil die ja so ganz fein verstreut einzelne Leichenbrandfragmente haben und die anderen eben Nestbrandgruben, die konzentriert das haben. Herr Kosak hat quellenkritisch dazu natürlich auch durchaus zurecht angemerkt,
dass wenn wir hier so ein, wie er nennt, das ganze Schalterhaufenflachgrab, also eine große Brandfläche mit Asche haben und dann hier eine Urne eingetieft in dieser Fläche und wir das Ganze immer weiter abflügen, dass wir dann eben hier einen
Brandschüttungsgrab bekommen und hier Brandgrubengräber an der Seite, wo die Urne nicht sitzt und ähnlich eben auch mit den Schalterhaufenflachgräbern mit Knochenlager, wie sie nennt, und die dann zu reinen Knochenlagern Leichenbrandnestsand werden.
Das hat er im Prinzip richtig durchexerziert, trotzdem kann ich seiner Argumentation nicht ganz folgen, weil das für uns bedeuten würde, dass bestimmte Regionen eben bestimmte Zeiten nur überpflügt hätten und das ist nicht so. Gerade hier bei uns im Minden-Ravensberger-Land haben wir vor
allen Dingen diese Brandgrubengräber und dann gibt es eben in Sorsum hier, wir müssen auch sagen, wir haben viele Gräber auch in diesen Gruppen halt nicht, das ist ein ganz großes Quellenproblem auch, da tauchen die auf einmal vor allen Dingen eben mit Leichenbrandnestsand ab
und da müsste man gezielte Überpflügung von bestimmten Gräbern in bestimmten Arealen annehmen, das ist bestimmt nicht so, sondern eben wir haben auch hier gewisse Schwerpunkte von Bestattungsformen. Also wir kommen von der reinen Typenkartierung über die Werkstattkreise, über die Wirtschaftsweisen und über
Kartierungen von Rieten, Grabrieten eben auch wieder zu ähnlichen Gruppierungen, wie wir das am Anfang hatten. Da kann man jetzt sagen, das ist natürlich alles schön, diese Kreise und Ovale, wozu brauchen wir das überhaupt, solche räumlichen Analysen, das kann uns zum Beispiel helfen in der Interpretation von Verteilungsmuster,
dass man eben sieht, bestimmte Typen, Fremdformen breiten sich eben nicht irgendwie amorph im Raum
aus, sondern eben, dass gezielt bestimmte Gruppen vielleicht auch Handelswege kontrollieren und bestimmte andere Gruppen ansteuern, dass wir hier auch lineare Verbreitungen haben. Man müsste das Ganze jetzt mit diesen Gruppen, das kann man auch, weiter in die Just-of-Kultur fortsetzen.
Also wir kommen im Grunde zu einer Interpretationsform hin, wo wir schon Raum und soziale Einheit schon sehr eng verquicken. Und damit kommen wir auch gleich in ein zentrales Feld der Interpretation. Was fassen wir da eigentlich in diesen Konzentrationsräumen, die ich jetzt mal durch diese gestrichelten Ovale dargestellt habe?
Das ist natürlich schwierig in Deutschland. Wir haben immer noch den Altvorderen Cosina, der 1911 formuliert hat, scharf umgrenzte archäologische Provinzen decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern und Völkerstemmen.
Cosina hatte im Hinterkopf natürlich die Nationalstaaten Ende 19. Jahrhundert, wo sich große nationale Gebilde gegeneinander abgrenzen. Vor dem ersten Weltkrieg war eben Deutschland, Russland, Österreich, und damit war praktisch Mitteleuropa schon abgedeckt.
Und so denkt er halt in Germanen, Illyrian, Slaven. Und das ist sicherlich natürlich verfehlt. Und zu Recht wird er natürlich kritisiert eben, weil seine Schüler sich durchaus als Steigbügelhalter des Nationalsozialismus betätigt haben.
Er selber ist immerhin rechtzeitig gestorben. Und auch methodisch ist es natürlich, wir sehen in den Kartierungsbildern, es gibt keine scharf umgrenzten Kulturprovinzen, sondern eben eine Art Kernregionen höchstens.
Und dann eben zu allen Zeiten, ich muss jetzt noch ein paar andere Karten zeigen, dann würde man sehen, manchmal treten diese Regionen mehr hervor, manchmal treten sie weniger hervor. Und dann ist noch die Frage eben mit den ganz bestimmten Völkern, Völkerstemmen,
ob wir dazu überhaupt Namen sagen können. Das ist so alles sehr zweifelhaft. Vielfach wird damit dann auch praktisch meines Erachtens damit das Kind mit dem Bade ausgekippt, indem man nämlich dann diese ganze Kartierung von Gruppierungen und Interpretationen von Gruppierungen als soziale Gebilde in Deutschland lässt.
Oder eben unter Verweis auf Kostina. Aber ich denke, wir brauchen uns da nicht zu sehr zurückzunehmen, weil es nämlich eben auch mittlerweile ganz andere Vorstellungen von sozialen Gebilden gibt.
Und gerade eben in der jüngeren Generation durch die Analyse der caesarischen Berichte oder eben auch Karl in seiner Habilitation, der vor allen Dingen eben über die inselkeltischen Überlieferungen und
dann aber auch verglichen mit den archäologischen Überlieferungen durch sehr interessante Analysen von sehr komplexen Gebilden zeigt. Und die eben auch alle zeigen, hier ist es vielleicht etwas besser dargestellt, hier dieses habe ich nur genommen, um
zu zeigen. Es sind ganz komplexe Sozialgebilde, die in sich vielfach verschachtelt sind, also eben keine scharf umrissenen festen Kulturen. Und hier eben auch, es sind eben kleine lokale Einheiten, die sich dann immer wieder neu geliedern und dann hinterher zusammengeschlossen werden und dann bei Caesar als Kivitas erscheinen.
Also wir haben mittlerweile eben Interpretationsmodelle, auch die doch deutlich weggehen von einem kästchenhaften Nationalstaatsdenken. Und was mir vorschwebt für die Interpretation dieser regionalen Gruppen ist im Grunde eine Interpretationsmuster, wie es
ähnlich schon in den Niederlanden in der Frühmittelalterforschung dort in den 80er Jahren entwickelt wurde, vor allem von Heidinger, eben Kernregionen oder eben auf niederländisch Kerngewäste, die sowohl eine soziale wie eine naturräumliche Komponente haben.
Und ganz einfach definiert sind, innerhalb dieser Kernregionen bestanden offenbar engere soziale Bindungen als die Bewohner anderer Kernregionen. Das ist, denke ich, eine Sache, die man auch sehr gut auf diese Kartierungen übertragen kann.
Und mehrere Kernregionen können entsprechend politischer Machtbildung auch zusammengefügt werden. Politische Gebilde und soziale Gruppen sind instabil und eben je mehr von diesen kleineren Gruppierungen zusammengefügt werden kurzfristig, desto eher zerfallen die auch wieder.
Und trotzdem haben wir immer wieder auch das Phänomen diakronenähnliche Kernregionen werden halt durch die Geografie begünstigt. Wir haben hier Kommunikationsräume, die dann auch wieder ähnliche Verbreitungsbilder entstehen lassen. Und allein, wenn man das jetzt die vorgenannten Sätze sich ansieht, dann ist
eine Rückverfolgung historisch überlieferter Namen, wie sie Kostina versucht hat, eben kaum sinnvoll. Und trotzdem denke ich, wir können in Nordwestdeutschland im dritten bis ersten Jahrhundert schon
Kristallisationspunkte von sozialen Gebilden mit unseren archäologischen Methoden ganz gut nachvollziehen oder zumindest ansatzweise nachvollziehen. Kommen wir jetzt zum zweiten großen Block, das ist die soziale Gliederung.
Und da kann ich vieles nur anreißen, wichtig und für den nordwestdeutschen Raum sicherlich auch besonders charakteristisch sind die Wallanlagen, die hier auch zu anderen Phasen errichtet werden, als das etwa in Süddeutschland üblich ist. Im Jasdorfraum spielen die kaum eine Rolle.
Aber eben in Süddeutschland kennt jeder Heuneburg und verschiedene Fürstensitze und dennoch sind eben hier im nordwestdeutschen Raum.
Hier kommen diese Anlagen später. Sie sind nicht mit Fürsten-Grabhügeln oder sowas zu verbinden, sondern sind in gewisser Weise eigenständig. Es lassen sich auch verschiedene Horizonten, eben drittes Jahrhundert bis erste Hälfte, zweites Jahrhundert, man kann grob sagen,
Lateen B2 bis C als eigenen Horizont und dann nochmal eben die Spätlateenzeit, die hier erscheint auf vielen Plätzen. Da kriegen wir gewisse Differenzierung aus, die eben sich nicht mit den süddeutschen Phasen des Befestigungsbaus decken.
Die Anlagen im Nordwesten sind meistens auch kleiner und man muss hier auch überlegen, was ist das für eine Qualität, was diese Anlagen haben. In Süddeutschland haben wir die OPIDA, die als stadtartige Siedlungen definiert werden oder eben Fürstensitze in der Späthaltstadtzeit.
Hier in Nordwestdeutschland kann man im Grunde nur sagen, die sind ein Indikator für größere soziale Gebilde. Es müssen Leute da sein, die diese Wallanlagen bauen, wofür auch immer.
Da gibt es eben auch die unterschiedlichen Positionen. Schnippenburg, die sehr auf das Kultische abgehoben haben oder eben Herr Kosak mit seinen südniedersächsischen Anlagen, der ganz klar auf Fluchtburgen und Ereignisgeschichte abgehoben hat. Und das obwohl eben beide Anlagen, hier Schnippenburg, das ist hier und dann Barenburg, Amelungsburg hier,
sind im Grunde ein ganz ähnliches Phänomen und trotzdem komplett unterschiedliche Interpretationen. Wir müssen uns hier auch gar nicht unbedingt festlegen, welche Interpretation wir da bevorzugen, sondern wir können auf jeden Fall sagen, die sind Indikatoren für größere soziale Einheiten,
die es hier in der Qualität vielleicht eben auch gar nicht gegeben hat. Kommen wir dann zum nächsten Punkt der sozialen Gliederung. Wagengräber sind eine klassische Sache, die man immer so als Indikator für soziale Gliederung, für soziale Unterschiede sieht.
Die haben wir durchaus in der Mittel- und Spätlatinkultur dann aber nur am Nordrand, der überhaupt noch mit Gräbern belegt ist. Und wir haben sie dann eben auch am Nordrand der Mittelgebirge
und hier natürlich vor allen Dingen auch im Pestrupper-Gruppe hier in dem Kloppenburger Hochgeest, aber auch bis nach Westfalen rein. Hier kommt noch das Problem dazu, dass wir eben in diesem Raum hier auch sehr wenig Gräber haben, wahrscheinlich auch ganz viel weggepflügtes, ähnlich wie in Niedersachsen.
Aber man sieht schon, dass dieser Raum sich hier schon eher an die Latenkultur anzuschließen scheint, während eben die Jasdorfkultur da weitgehend ausfällt. Und wenn Wagen da sind, dann sind es vor allen Dingen die vier Räder, die dann im archäologischen Kontext erscheinen, nicht die zwei Räder.
Jetzt könnte man denken, ja gut, dann ist unser Nordwestdeutschland ist hier tatsächlich eben an die Latenkultur angeschlossen. Aber wenn wir dann nochmal gucken in die Überlieferungsbedingungen, dann zeigt sich eigentlich, dass die Wagen im Nordwesten vor allen Dingen mit Trachtbestandteilen in Frauengräbern zu finden sind,
während eben in der Latenkultur das überwiegend ein männliches Phänomen ist. Und da wieder doch ein eigener kultureller Weg hier in unserer Nordwestdeutschen Zone ist.
Und von den Wagen kommen wir direkt zu den Frauen nochmal. Da kann man zumindest konstatieren, was wir im Jasdorfraum nicht haben. Wir haben Insignienartige, sehr auffällige Trachtbestandteile, wie diese Scheibenhalsringe.
Die sind sehr selten und tauchen auch nicht unbedingt kompatibel zu den regionalen Gruppen, die wir vorhin gesehen haben, auf. Sondern zum Teil gibt es auch überregionale, internationale Frauen, würde ich sagen.
Es gibt das in Süddeutschland zum Beispiel auch in der Mittellathenzeit, dass wir auf einmal Frauengräber haben, die reichsten Frauengräber, die tatsächlich dann ganz viele internationale Verbindungen zu Gruppen, die mehrere hundert Kilometer entfernt sind, zum Teil haben. Und hier in Waltershausen ist ein Beispiel, dass wir eben diese Fiebeln hier eher in Saale-Unstrud-Raum verorten würden,
die hier in Hessen mit den Sprossen-Gürtel-Haken, ist das ein ganz eigenes Ding, ob das nicht sogar Alpin ist. Also hier mischt sich einiges und dann eben unter diesem doch sehr auffälligen Ring,
während eben wir auch entsprechende Ringe dann hier in der Amelungsburg zum Beispiel haben, wieder ein ganz anderer Kontext dann bei einer Wallanlage und hier durchaus mit regionaltypischen Gürtel-Elementen. Also damit fassen wir vielleicht eine obere, vor allen Dingen mit diesen internationalen Garnituren,
eine obere Ebene von Frauenbestattung und hier vielleicht dann eben regional auch etwas darunter angesiedelte. Und dann aber auch in den normalen, relativ unscheinbaren Frauengräbern gibt es Phänomene, die dann doch besondere Sachen erkennen lassen.
Hier habe ich aus Lemgo ein Gräberfeld, was ich zurzeit für Detmold bearbeite. Diese auffälligen Bügelplattenfiebeln, die sind relativ selten und tauchen interessanterweise
mit auffälligen kleinen Näpfen, Eierbechern oder eben auch Füßchennäpfen zusammen auf. Und die als Talglichter gedient haben, sodass man da vielleicht auch eine besondere Funktion der Frauen innerhalb ihrer Gesellschaft sehen kann,
weil diese Napfgefäße sind ähnlich selten wie die, zumindest zu dieser späten Zeit, ähnlich selten wie die entsprechenden Fiebeln. Auch wenn wir jetzt im Einzelnen diese Funktionen nicht genau fassen können.
Kommen wir dann zu den Männern, da haben wir vor allen Dingen natürlich die Bewaffnung, ist immer wieder das Thema, womit man versucht soziale Gliederungen herauszukitzeln. Hier die Latenschwerter und hier, wenn wir wieder unser nordwestdeutsches Dreieck angucken,
wir haben im Süden, in der Latenkultur, haben wir in den Kreisen dargestellt Schwertgräber in Massen, aber eben auch durchaus in zeitlich, regional unterschiedlichen Rhythmen. Also hier kann man sagen, von dunkel zu hell ist praktisch immer jünger, die helleren sind jünger,
die rosa sind spätlatin und dann eben mittellatin und die ganz dunklen kann man hier nicht so ganz gut erkennen. Die sind ausgehende Frühlatinzeit. In Quadraten sind hier keine Gräber kartiert,
sondern eben Schwärter, die auf Wallanlagen auftauchen, vereinzelt auch in Siedlungen. In Siedlungen relativ selten, Wallanlagen sind mit Depofonen sicherlich überproportional vertreten. Und es zeigt also, obwohl wir hier so gut wie keine Schwertgräber haben, zu den beiden hier komme ich später nochmal,
haben wir eben doch Latenschwerter in der Region durchaus gut vorhanden, eben bloß in einer anderen Überlieferungssituation, im anderen Kontext eben auf den Wallanlagen. Und das Ganze wird noch etwas plastischer, wenn wir hier, hier habe ich leider falsche Farbe genommen,
das sind eigentlich die orangenen Punkte, da orange sind Schwertketten, Schwertzubehör, die also ganz spezifisch sind für die keltischen Schwertgurte.
Und die tauchen tatsächlich auch vereinzelt in Gräbern auf, aber eben auch auf Wallanlagen. Und da sieht man, wenn man die praktisch noch zu den Schwertern dazu nimmt, dann sieht man, dass der Raum hier offensichtlich doch deutlich mehr durchdrungen war von keltischer Bewaffnung, als man das nur bei der Fokussierung auf Schwertgräber sehen würde.
Und wieder im Jasdorff-Raum ist das eben nicht in dieser starken Weise zu sehen. Und gerade hier diese jüngsten Sachen, das ist alles schon Chevorsk beeinflusst, also kommt aus dem Osten, ist was anderes, was nicht unbedingt direkt an der Latenkultur dranhängt.
Von daher kann man sicherlich sagen, dass hier eine größere Nähe unseres nordwestischen Raums zu Latenkultur ist, aber es wird eben eigeninterpretiert, es werden Typen aufgenommen, aber eben in eigener Weise benutzt.
Hier sind nochmal zusammengefasst, also in den Gräbern sind nur Zubehör, und dann kommt Kleinstfragmente, dazu kommen wir gleich, und dann eben Schwert im Grab, das ist ein Kennzeichen für die Latenkultur. Kommen wir zu diesen Kleinstfragmenten nochmal, das eine ist wieder das Gräberfeld in Lemgo.
Da war ein sehr sorgfältig geschmiedetes, kleines, sauber gerundetes Stück, ein Fragment, wo hier abgebrochen war, wo man auch sieht, an dem Stück war ein Zipfel dran. Das sieht leider in der Zeichnung, und mittlerweile ist es auch sehr stark korrodiert,
wieder trotz Restaurierung, aber wenn man das wiederfinden will, dann ist es halt an Latenschwertern, Latenschwertern gibt es diese Griffbügel, und wir haben tatsächlich dann eben nur so ein Kleinstfragment als Spur, da war mal ein Schwert, ähnlich Bielefeld-Hepen, also als ich das einmal hatte,
dachte ich, da muss es auch woanders geben an Kleinstfragmenten, und Bielefeld-Hepen, haben wir hier Fragmente von so einem gerundeten Bügel mit so einem rundlichen Aussparung, und wenn wir gucken, das gibt es also an den Latenschwertern am Ortbandbereich,
und dazu dann noch so eine Lasche, die habe ich jetzt nicht am selben Schwert hier, aber das wäre hier am Aufhängung des Schwertriemens, das ist ein Schwertriemenhalter, dass wir hier in Kleinstfragmenten in diesen Brandgrubengräbern eben doch auch Indizien dafür haben,
dass vielleicht mal ein Schwert auf dem Scheiterhaufen gelegen haben könnte, und das sind natürlich auch Sachen, die man erst mal finden muss, also wenn man so kleine Fragmente hätte, die würden normalerweise wahrscheinlich nicht mal gezeichnet werden in der Publikation, also weil es halt unbestimmbare Kleinteile sind.
Hier kann man noch, als Beispiel habe ich hier noch mal so eine Schwertkette aus dem Ende der Frühlatentzeit aus Nienburg, die ist schon sehr lang publiziert bei Takkenberg, ist praktisch in der Lateenforschung im Süddeutschen und vor allen Dingen auch im französisch-ungarischen Gebiet, wo diese vor allen Dingen auch vorkommen,
sind die praktisch nicht wahrgenommen worden, weil sie eben hier im Nordwesten erscheinen und völlig außerhalb des Blickfeldes für die normale Lateenforschung ist, aber es sind Stücke, die sich also praktisch austauschen lassen mit Lateen-Schwertketten.
Kommen wir zum letzten Stück der sozialen Gliederung. Herr Kosak hatte auf der Amelungsburg eben auch eine Sklavenfessel, und das ist natürlich ein Stück, was hellhörig macht. Wir haben hier mal eine europaweite Kartierung, ähnliche Sklavenfesseln,
einmal Fußhandfesseln und dann auch Halsfesseln, die kommen insgesamt sehr selten vor, aber eben doch hinreichend in der Spätlateenkultur, um zu sagen, hier war ein regulärer Sklavenhandel,
wahrscheinlich eben mit dem mediterranen Kultur, und Kosak und andere haben dann eben auch argumentiert, dass dieser Raum hier in Nordwestdeutschland Fangebiet war, dass eben in diesen etwas rückständigen Eisenszeitgruppen aus Süddeutschland
Sklavenjagden hierhin veranstaltet wurden, um eben gezielt Kriegszüge, Raubzüge zu machen. Wenn man sich jetzt die Kartierung anguckt, dann würde man allerdings sagen, so viel näher sind die in der Latenkultur auch nicht verbreitet, so viel dichter.
Theoretisch könnte das also auch noch genauso gut hier wie in der Latenkultur ein Anzeiger für für echten Sklavenhandel und Sklavenbesitz sein, dennoch würde ich hier auch in diesem Fall Herrn Kosak zustimmen, weil nämlich die Schlüssel in diesem Bereich nicht verbreitet sind.
Es gibt charakteristische Schlüssel, die stilisiert menschenförmig auch sind, auf die hat Martin Schoenfelder hingewiesen und interpretiert die halt als Schlüssel für diese Sklavenfesseln, und dann, wenn man die dazu kartieren würde, kriegt man das noch ein bisschen dichter, das Verbreitungsbild,
und diese Schlüssel fehlen tatsächlich hier im nordwestdeutschen Raum, soweit ich das Material überblicken kann, auch komplett. Das heißt, dass wir hier eben nicht mit diesen Strukturen von einem gewerbsmäßigen Sklavenhandel rechnen müssen.
Nach diesen Einzelaspekten zur sozialen Gliederung, im Grunde war das eher schlaglichtartig, bestimmte Punkte angetippt, kommt man auch wieder zur Frage, wie interpretiert man das Ganze, und es wird sicherlich vermessen bei unserem total lückenhaften, bruchstückhaften Quellenbestand
und unseren geringen Grabfunden, das einheitlich daraus ein Modell entwickeln zu wollen, aber man kann durchaus gucken, welche Modelle haben wir, die in anderen Kulturen entwickelt wurden, vielleicht auch mit dem anthropologischen, kulturgeschichtlichen Hintergrund,
und welches passt am ehesten auf das, was wir in Nordwestdeutschland haben. Da haben wir also für die Jasdorfkultur entwickelt, von Jochen Brandt in seiner Dissertation, ein Modell einer akephalen Gesellschaft, also herrschaftsfrei, jedenfalls keine stabilen Herrschaften, um es vorsichtig auszudrücken,
und er hat das so zusammengefasst, mal in einer Kapitelüberschrift, schlagwortartig, in Armut alle gleich, also Jasdorfkultur eben, wenn wir überhaupt Hinweise auf soziale Differenzierungen haben, dann ist es mal ein einzelnes Gefäß oder mal irgendwo ein besonderes Stück, aber eben nicht mehrere zusammen,
also und sonst hauptsächlich einförmige Gefäße bei den Gräbern und auch in den Siedlungsweisen nichts Besonderes. Das wäre also das Modell, was er für die Jasdorfkultur entwickelt hat, ganz geringe soziale Differenzierung.
Anders eben für die Latenkultur hat Karl hier vor allen Dingen aus den späteren literarischen Quellen versucht, abzuleiten Modell von Rangkontinuitäten, die analog zur Verwandtschaft aufgebaut werden,
dass praktisch ein Abhängiger ähnlich behandelt wird wie ein Kind oder ein Pächter, ähnlich wie ein Sohn einer Familie, die landbesitzt behandelt wird.
So wäre halt der Pächter, der an diese Familie angegliedet ist, hat etwa die soziale Stellung wie der Sohn und so weiter geht das dann runter bis Diener und Sklaven, sodass man dann eben analog zur Verwandtschaft, vielleicht ähnlich wie so ein, man kann vielleicht sagen, protofoidale Geliederung, wo man dann Hinterrangkontinuer hat,
die sich dann immer weiter aufbauen zu größeren Pyramiden. Das sind so die beiden Extrempositionen, die für die Latenkultur und für die Jasdorfkultur entwickelt wurden
und wir müssen uns irgendwo dazwischen verorten wahrscheinlich. Karl hat dann versucht sein Modell auch auf die germanische Welt zu übertragen und das ist meines Erachtens zumindest zum Teil übers Ziel hinausgeschossen.
Sicherlich kann man sehen, dass es auch dort eine Rangdifferenzierung gibt, aber das Problem ist, wir haben doch, wenn wir jetzt diese Sachen in Nordwestdeutschland vergleichen mit den süddeutschen Latenkultur, dann sind doch himmelweite Unterschiede an denen. Wir haben keine Münzwirtschaft oder nur in Ansätzen Münzwirtschaft und sehr spät.
Wir haben keine Großsiedlung, kein spezialisiertes Handwerk in den Massen, wie wir das in der Spätlatenkultur haben. Also haben wir in irgendeiner Form was anderes. Wenn man sich jetzt nochmal ansieht, woher diese stärkere Differenzierung in der Latenkultur kommen kann,
ist vielleicht das Erbrecht eine Möglichkeit, die sowas begünstigt, eine noch viel stärkere Differenzierung.
Das ist nämlich überall dort, wo wir Erbteilung haben und das war sehr auffällig, wenn man nochmal alle Quellen, die Karl analysiert hat, in den keltischen Gesellschaften, die haben überall Erbteilung, das heißt es werden dort Hofstellen, wir können verloren gehen, es müssen sich Leute in Pachtwirtschaft begeben,
es ist ein großes Reservoir an Arbeitskräften, die sich vielleicht auf dem gewerklichen Sektor betätigen müssen. Und das alles haben wir eben in Gesellschaften, die einen Erben für einen Hof haben, nicht.
Da ist das sehr viel stabiler, sodass wir sagen können, wir haben im Grunde drei Modelle, die wir betrachten können, einmal eins mit Erbteilung, eins mit einem Haupterben und dann eben das Modell von Jochen Brandt mit der Ackerfallengesellschaft. Und wenn man jetzt alle Indizien für unseren nordwestdeutschen Raum zusammennehmen würde,
könnte man durchaus dazu kommen, dass wahrscheinlich dieses Ranggesellschaft mit Haupterben, dass das das ist, wo das meiste für spricht. Man kann das noch eben in Gräberfeldern, in Gräberfeldgruppierungen usw. weiter durcharbeiten
und auch da finden sich immer wieder Indizien, wenn dann vielleicht in dieser Richtung. Ich sehe, die Zeit ist jetzt schon etwas fortgeschritten. Ich werde jetzt zu dem letzten Problem das nur noch kurz dann als Ausblick behandeln. Wir haben jetzt viele Thesen gehört zu Eisenzeit in Nordwestdeutschland.
Die Frage ist, wie geht es mit den Forschungen weiter und was sind besondere Probleme? Und mein Problem ist oder ich sehe eher das Problem nicht des Datenverlustes.
Das ist ein altbekanntes Problem, dass die illegale Metallsonnengänger Fundplätze zerstören. Aber es gibt auch ein anderes Problem, dass nämlich die Guten extrem viel Material liefern.
Hier ist als Beispiel einer der besten Metallsonnengänger in Westfalen, der mit dem Landesamt zusammenarbeitet. Die liefern mittlerweile so viele Funde und auch komplett neue Fundgruppen, die wir vor zehn Jahren noch gar nicht gekannt haben, komplett neue Fibelgruppen, sodass es extrem schwer ist, einen Überblick noch zu behalten über das gesamte Material
und das auch in Analysen weiter zu verarbeiten. Das ist ja eigentlich toll, dass wir solche Daten haben. Was wir brauchen ist aber vielleicht eben eine Art Datenbanksystem, dass wir wirklich auch auf diese Daten weiter zugreifen können,
dass sie eingepflegt werden und dass wir nicht mehr unseren normalen Publikationsweg versuchen, aufrechtzuerhalten, weil der den Datenmengen einfach nicht mehr gerecht wird. Und wir haben meines Erachtens auch eine Verpflichtung gegenüber diesen hervorragenden ehrenamtlichen Mitarbeitern,
dass wir mit ihren Funden auch arbeiten. Das zweite Problem, was ich sehe, gerade für die vorrömische Eisenszeit, mit den zu vielen neuen Daten, ist das Beispiel der Wallanlage. Als ich für die Schnippenburg Colloquium den Forschungsstand in Westfalen zusammengestellt habe, dachte ich, das kann man in zehn Jahren mal nochmal machen, damit man so ungefähr am Stand bleibt.
Und mittlerweile sehen wir, dass die Fortschritte dort so enorm sind, dass es überhaupt nicht mehr zu leisten ist, eine Zusammenstellung des Forschungsstandes.
Das liegt einmal an den digitalen Geländemodellen, die bei uns in Nordrhein-Westfalen alle im Netz stehen, wo also ehrenamtliche Heimatkundige diese Daten komplett durchsehen, immer wieder neue Sachen melden. Und ich habe hier als Vergleich mal nur den Piepenkopf hier im Kreis Lippe rausgesucht.
Das ist ungefähr der Stand, der bis in die 2010er-Jahre stand war, nämlich Vermessungen aus den 30er-Jahren noch, die in irgendeiner Weise neu umgesetzt werden, wo man dachte, man kennt die Wallanlage. Jetzt haben wir das DGM.
Und hier sehen Sie wieder den Wall, wie er dort eingetragen ist. Und wenn man jetzt hier genau guckt, sieht man auf einmal, die Anlage ist ja viel größer. Hier, da geht noch ein kleinerer, weil lang in der alten Vermessung, allenfalls hier in der Terrassenkante ein bisschen gefasst ist.
Und wenn man dann noch weiter analysiert, dann sieht man, wir haben eine erste Anlage, eine zweite Anlage, eine dritte Anlage und dann eben das, was wir eigentlich gedacht haben, was unser gesicherter Erkenntnisstand ist. Das ist der eine Aspekt, dass die Anlagen größer werden,
sie werden differenzierter und es werden mehr Anlagen, weil eben komplett neue Anlagen gefunden werden. Und das Zweite ist die Datierung. Der Kollege Manuel Zeiler ist extrem rührig und hat in Südwestfalen im Regierungsbezirk Arnsberg,
wo er arbeitet, mit Jahresrestmitteln, macht er Bebohrungsprogramme und Kreis für Kreis geht er an die Wallanlagen ran, die bisher undatiert waren, nimmt einen kleinen Ram-Kern-Sondage und wenn man genauer guckt,
überall ist irgendwo ein bisschen Holzkohle, datiert die. Und wir haben durch dieses Programm bis 2013 gab es zwölf eisenzeitliche Wallanlagen im Regierungsbezirk.
Bezirk Ahnsberg. Seitdem gibt es 14 neue Anlagen. Diese Anlagen haben dann mehrere Hektar, häufig dann noch, die werden dann auch gleichzeitig noch von ehrenamtlichen Sonnengängern begangen, viele Metallfunde, Depotfunde, die auf diesen Anlagen auftauchen, eine enorme Materialmenge und ein eigentlich toller Wissenszuwachs, den wir haben, wo
man aber sich fragt, wie soll man das alles noch bewältigen. Und damit kommen wir dann auch zum Fazit, also einmal zu dem inhaltlichen Bereich. Ich denke, dass sich seit dem dritten Jahrhundert vor Christus die
Kontaktzone, also eben der nordwestdeutsche Bereich am Nordrand der Mittelgebirge, durch vielfältige Merkmale von der Latin- und Jastorfkultur abgrenzen lässt, auch wenn es schwerfällt, unbedingt gemeinsame Merkmale dafür zu finden. Ich denke, dass die Unterschiede der Kontaktzone zu Jastorf und zur
Spätlatin-Kultur vielleicht auch auf einem anderen Gesellschaftsmodell beruhen, eben ähnlich wie Cäsars in Gallien gemacht hat. Es ist eben nicht nur die Sprache, sondern es sind auch die Einrichtungen, die gesellschaftlichen Institutionen und Gesetze, in denen sich
Gesellschaften unterscheiden. Und abgesehen von diesem inhaltlichen zu dem letzten, jetzt etwas kurz gefassten Punkt, ist halt die Frage, wie weit sind diese vermeintlichen Kenntnisse, die wir bisher rausgekommen haben, überhaupt repräsentativ und sind diese
Ergebnisse überhaupt tragfähig. Und da denke ich, wir müssen, um diese Datenflut zu bewältigen, neue Strategien entwickeln, eben Datenbanksysteme, vielleicht auch andere Institutionen oder Netzwerke uns von dem rein durch den kulturellen Föderalismus
vorgegebenen Bereichen lösen und vielleicht auf größeren Ebenen zusammenarbeiten, dass das hier in Niedersachsen schon angelaufen ist, habe ich mit Freude gehört bei der Einführung. Denn wir haben eigentlich keine Alternative dazu, selbst wenn wir sagen, ja, wir können hier alles, was du da in Analysen gemacht hast,
ist ja schön und gut, aber es ist überhaupt nicht repräsentativ. Wir müssen aber mit diesen kleinen Funden arbeiten und auch mit den Burgen arbeiten, denn Bodendenkmalpflege ist meines Erachtens nur berechtigt, wenn eben auch über die Bodenfunde nachgedacht wird. Denkmalpflege ist nicht ein naturgegebenen Denkmal,
sondern das Denkmal ist deswegen da, weil es, weil darüber reflektiert wird. Und deswegen können wir auch trotz der ganzen Kenntnislücken nicht verzichten darauf, eben weiterhin materialorientiert zu arbeiten. Und das Schöne daran ist, dass bei diesem Forschungsfeld
dann eben viel mehr spannende Fragen bleiben, als fertige Lösungen zu geben sind. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.